Von Online-Klassen und Monkey-Mind, Podcasts und Show-Ponys

Sinah strahlt meist bis über beide Ohren, wenn sie von dem Yoga-Studio erzählt, das sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Sophia gegründet hat. Aber die COVID-19-Einschränkungen haben auch sie ziemlich getroffen. Wir unterhielten uns unter anderem über Online-Klassen, das persönliche Verhältnis zu ihren Schülern und Instagram-Followern, ihren neuen Podcast und warum sie sich selbst als das Show-Pony des Studios bezeichnet.

InterviewSinah Diepold (Kale & Cake)Juni 2020

(Sinah sieht von ihrem Handy auf und strahlt wie anscheinend immer.)

Ich habe heute Abend ja noch eine kleine Instagram-Charity-Aktion – 15 Minuten Live-Meditation zum World Ocean Day. Ich bin ja so ein kleiner Umweltschützer und mir blutet total das Herz, wenn vor lauter Corona alles andere, was Umwelt angeht, geschoben (?) wird. Und für jede Person, die beim Stream dabei ist, spende ich zwei Euro.

Oh, das könnte schnell teuer werden bei deiner Follower-Zahl, oder?

Das ist mir dann auch aufgefallen! (lacht) Aber ich spende grundsätzlich so zehn Prozent von meinem Geld. Dann ist das also einfach das für diesen Monat.

Dann wünsche ich dir, dass nicht zu viele Leute mitmachen.

Ja, ich sehe gerade, wie viele Leute das reposten … (lacht)

Sag mal, wie lange habt ihr das Studio denn schon geschlossen?

Seit dem 16. März, also jetzt schon drei Monate.

War das der offiziell vorgeschriebene Tag?

Ne, wir haben sogar schon davor zugemacht. Als dann auf einmal alles Krisengebiet war, fühlte es sich schon komisch an, und als man dann auch nicht mehr so viele Leute reinlassen durfte, haben Sophia und ich beschlossen, das lieber proaktiv zu machen als aus Zwang. An einem Samstag haben wir dann zugemacht, haben es aber so aufgesetzt, dass wir am Montag darauf schon die ersten Streams online hatten.

Wow, so schnell?

Ja, wir haben uns gedacht, wir probieren es einfach mal. Und zum Glück waren unsere Leute auch sehr cool. Wir hatten ja keine Ahnung, hatten gehört, Zoom passt ganz gut dafür, und es lief richtig gut. Sonst zu reduzieren und nur noch zehn Leute reinzulassen hat sich nicht so cool angefühlt. Und man fühlte auch noch so eine krasse Unsicherheit bei den Leuten.

Meinst du denn, die Leute sind jetzt wieder entspannter?

Ich glaube, es ist eine Frage der Gewohnheit – wir sind ja solche Gewohnheitstiere. Die Leute sind jetzt so gewöhnt daran, Abstand zu halten und nicht in engen Räumen zu sein, dass es wahrscheinlich eine Weile brauchen wird, bis sie wieder okay damit sind. Deshalb machen wir auch nur ganz langsam wieder auf. Für uns ist das ja auch komisch, nur alle zwei Meter eine Matte, mit Maske rein und so. Normalerweise umarme ich die Hälfte meiner Kunden. Ich habe kein Problem damit, die ganzen Regeln zu respektieren, ich breche mir damit keinen Zacken aus der Krone, aber es wird sicher erst mal mühsam.

Vielleicht sind Besucher eines Yoga-Studios im Schnitt ja etwas bedachter als andere, aber draußen scheinen mir die Leute eigentlich wieder recht entspannt.

Ich glaube, das hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun. Die jüngeren Leute sind bestimmt etwas lockerer – hier im Englischen Garten ist ja auch gerade Partymeile. Ich versuche nicht zu urteilen (lacht), aber so als Business ist das schon schwierig, wenn das offensichtlich okay ist, aber hier drin gemeinsam meditieren geht nicht. Aber es ist halt, wie es ist. Jedenfalls scheinen die Leute sich langsam wieder dran zu gewöhnen. Vielleicht braucht es nur eine kleine Anlaufzeit. Ich hatte schon auch meine ganz intensiven Panikmomente, aber jetzt schaue ich mir das erstmal an.

Erzähl noch mal von euren Onlinekursen. Das ging ja wahnsinnig schnell. Aber wo kam denn diese Idee eigentlich her? Gab es sowas schon davor?

Ne, ich glaube, für Yoga-Studios gab es das wirklich gar nicht. Also klar, es gab fertig gedrehte YouTube-Sachen, aber Liveklassen, gab es nicht. Für Spinning gab es sowas schon mit Peloton – die sind ja einfach fantastisch – und vielleicht war das so eine Art Vorreiter, sodass die Idee also nicht komplett neu war. Auch von Personal-Trainern kannte ich das schon, aber halt nicht in Gruppenkursen. Das finde ich schon spannend, dass sich da sowas Neues entwickelt hat, und ich glaube, die Leute machen jetzt mehr dadurch. Aber ich freue mich jetzt schon ganz schön wieder auf Menschen.

Wie viele Leute habt ihr denn normalerweise in so einem Stream?

Wir hatten schon alles zwischen fünf und 120 Leuten. Das war unser Maximum bisher.

Und wie viele davon kommen normalerweise auch hier ins Studio?

Schon viele. Wir haben viele sehr treue Mitglieder – wahrscheinlich etwa die Hälfte davon. Am Anfang war auch der Hype groß, da haben dann auch viele Leute mitgemacht, die davor kaum Yoga gemacht haben oder sich dachten, jetzt könnten sie ja mal endlich eine Stunde ausprobieren. Durch diese krasse Veränderung der Lebensumstände waren die Leute dann auch sehr experimentierfreudig, aber das geht jetzt auch wieder zurück, weil die Leute in dieser neuen Zeit auch schon wieder Routine gefunden haben und jetzt eher bei den fünf Sachen bleiben, die sie gefunden haben. Diese Entwicklung fand ich total spannend.

Und wie viel Leute sind dann jetzt so in einem, nennen wir es mal normalen, Stream?

Um die 20.

Ich habe mich auch schon gefragt, ob gerade kleine Studios in der aktuellen Situation finanziell vielleicht gar nicht so schlecht fahren. 100 Leute kriegt ihr ja hier nicht in den Raum.

Klar, mit 100 Leuten in der Klasse ist das eine tolle Gelegenheit. Hier kriegen wir sonst 20 Leute rein. Aber die Infrastruktur wird auch teurer. Wir müssen Zoom bezahlen, wir brauchen eine zweite Person hier im Studio, die den Stream betreut, wir mussten Kameras und Equipment kaufen. Und pro Person verdienen wir natürlich auch deutlich weniger online. Außerdem haben wir auf einmal nur noch eine Sache, die wir machen – die Klassen. Retreats, Fortbildungen, Workshops, Events, das ist alles weggefallen. Wir haben unfassbar viel Geld zurückzahlen müssen, weil wir alles absagen mussten. Wir sind dankbar für die Onlineklassen und deshalb wird es uns auch nach Corona noch geben, aber eigentlich war das ja nicht der Sinn der Sache. Dennoch werden viele Studios das auch längerfristig anbieten. Ich weiß zum Beispiel von einem großen Studio in Sydney, die das gerade groß aufbauen, weil sich da einfach ein komplett neuer Markt aufgetan hat, den sonst niemand auf dem Schirm hatte. Und ohne Corona hätte der sich auch niemals aufgetan, denn wenn ich einfach gesagt hätte, ich machen jetzt Onlinestunden mit Zoom, hätte sich wahrscheinlich auch jeder gefragt, warum zahl ich für die Tante? (lacht) Und so wie das aktuell steht, planen wir auch, dass wir das langfristig beibehalten, weil es so gutes Feedback gab von Leuten, die zum Beispiel in Hamburg leben und dadurch auf einmal mit uns praktizieren können. Aber ich nenne mich ja immer das Show-Pony von unserem Studio hier, das die Leute eintreibt, und dann ist das mit Online schon auch ein ganz schöner Druck manchmal.

(lacht) Zu der Sache mit dem Show-Pony passt dann aber ja auch deine neuestes Projekt, der Kale & Cake Podcast. War das auch eine direkte Reaktion auf die Situation oder schwirrte dir die Idee schon länger im Kopf rum?

Den Gedanken, dass ich das gerne machen würde, hatte ich schon seit etwa anderthalb Jahren, aber irgendwas in mir war immer unsicher und ich hatte auch nicht wirklich den Raum dafür. Ich musste mich also jetzt ganz bewusst dafür entscheiden. Zum Glück habe ich jetzt aber auch eine tolle Firma in Wien, die das Ganze für mich produziert, und die waren so begeistert und so positiv. Das war sicher auch ein Antrieb. Und es hat geholfen, dass ich auch weniger unterwegs war. Es standen ja eigentlich echt große Sachen an, Wanderlust Festival, hier nach Berlin, da nach Portugal. Wenn das jetzt nicht gewesen wäre, wäre der Podcast also vielleicht gar nicht rausgekommen.

Es haben sich eben doch auch Chancen aufgetan …

Es ist halt auch wieder Auslegungssache. Wenn ich jetzt sage, es ist das Schlimmste, was hätte passieren können, weil mein Studio jetzt zu ist, dann ist das auch so. Ich kann mich aber auch fragen, was mache ich da jetzt draus? Das ist ja immer eine Frage der Interpretation, genauso wie wenn mir die U-Bahn vor der Nase wegfährt, dann kann ich mich aufregen wie Rumpelstilzchen oder ich kann mir denken, cool, noch entspannt 10 Minuten lesen.

Für den Podcast hast du ja auch die besten Voraussetzungen mit deiner – ich nenn sie jetzt mal – Fanbase. Für eine Yogalehrerin hast du ja einen sehr erfolgreichen Instagram-Account.

(lacht) Ja, für eine Yogalehrerin habe ich einen recht großen Account, für eine Influencerin einen eher kleinen.

Aber du bedienst dafür auch eher eine Nische …

Voll! Und ich muss auch sagen, die Leute folgen mir krass treu. Klar, von den 19.000 kenne ich die wenigsten, aber es sind auch ganz viele dabei, mit denen ich im Austausch bin. Und das liebe ich so, dass man sich gegenseitig begleitet. Der Podcast ist ja auch sehr intim – die Leute lassen mich in ihren Raum und hören mir zu, das ist schon sehr intim, und ich bin auch jemand, der sehr offen ist. Das habe ich auch mit den Streams erlebt, dass Menschen mir ganz intime Dinge erzählen und meine Yogastunden dann auch als Anker dienen können.

Als Yogalehrerin bist du quasi zu einem gewissen Grad auch Therapeutin.

Wenn ich das sein darf, wenn ich so einen Raum aufmachen kann, wo Leute was über sich selbst erfahren, finde ich das toll. Und ich denke, der Podcast ergänzt das. Von der Yogastunde, wo ich ja auch schon sehr persönlich bin, geht es weiter mit dem Podcast. Ich erzähle ja auch nur von Sachen, die ich selbst nicht kann. Wenn ich vom Monkey-Mind erzähle oder Panikmodus, dann nur, weil ich selber drin stecke und es nicht gemeistert habe. Und da kann der Podcast noch ein bisschen tiefer gehen als Instagram oder die Yogaklasse.

Das ist auch lustig für mich gerade. Ich muss mich manchmal selbst daran erinnern, dass ich hier bin und dich nicht nur auf dem Handy sehe. (lacht) Es gibt wirklich keinen Unterschied zwischen Sinah live und auf Instagram.

(lacht) Das ist ja das Beste! Total schön, dass es auch so rüber kommt. Deshalb liebe ich auch Social Media, auch wenn ich weiß, dass es auch dunkle Seiten haben kann. Aber alles hat zwei Seiten, das hatten wir ja schon.

Ich habe eigentlich immer so ein paar Standardfragen, aber so finde ich das gerade viel interessanter. Erzähl doch nur vielleicht mal, wie es jetzt bei euch weitergeht.

Also ab heute darf man ja wieder Yoga machen. Heute haben wir aber keine Stunde hier, weil die Montagsstunde so beliebt ist und für acht Leute lohnt sich das dann für uns leider gar nicht – deswegen ist die weiter im Live-Stream. Wir haben dann jetzt erstmal wieder vier Kurse in der Woche hier. Dann versuchen wir auch ein bisschen Outdoor, wobei das schwierig ist, weil wir dafür kein Geld verlangen dürfen; wir müssten das also auf Spendenbasis machen, aber wir sind eine Firma und dürfen deshalb keine Spenden einnehmen. Es wird einem da nicht besonders leicht gemacht. Außerdem ist das Wetter gerade auch nicht so gut. (lacht) Wir tasten uns einfach mal an alles Stück für Stück heran. Wir haben gemerkt, wenn wir immer auf so hohem Tempo arbeiten, sind wir hinterher nur platt. Wir überlegen also, wie wir das jetzt auch mit dem Online weiter aufrecht erhalten, denn wir haben nur einen Raum und mit dem Auf- und Abbau ist das etwas herausfordernd. Wir basteln ein bisschen herum, wie wir das umsetzen können. Worauf wir uns aber total freuen ist unser kommendes Teacher-Training Mitte Juli – Ausbildungen dürfen ja stattfinden. Und dafür haben wir auch einen großen Raum im Isartalstudio hier in München. Darauf fiebern wir jetzt ganz schön hin. Wir freuen uns auch ganz besonders auf unseren Lehrer Simon (https://www.instagram.com/liquidflowyoga/), auch wenn wir leider noch nicht wissen, ob er aus Amerika hierher darf. Aber sonst halten Sophia und ich das erste Wochenende und er ist auf jeden Fall für die Intensive-Week dabei – das Programm läuft über fünf Monate. Darauf freuen wir uns wirklich sehr. Na ja, und dann kommt eben der Podcast jetzt jeden Freitag raus. Außerdem habe ich freitags auch noch eine Morning-Flow-Stunde, wo immer eine feste Crew dabei und viel los ist. Es gibt dann auch noch so ein paar spannende Sachen dieses Jahr – aber die sind noch unter Verschluss. Und es gibt noch eine sehr, sehr, sehr große Sache, die ist aber noch nicht offiziell.

Oh je, spann mich nicht so auf die Folter. Sag mir zumindest, wie lange ich noch warten muss, bis wir herausfinden, was es ist?

(zögert) Ja, es könnte schon noch so zwei Monate dauern. Dieses Jahr wird auf jeden Fall unser bisher intensivstes! Von, oh Gott, wie müssen unser Studio schließen, zu erstes Teacher-Training, neuer Podcast, Online-Studio und unsere ersten Angestellten.

Und wer ist das?

Wir haben jetzt Vivian und Holger dabei. Holger macht Tech für uns, damit Sophia und ich uns wieder mehr auf unsere eigentlichen Aufgaben konzentrieren können, nämlich Yoga und Kreieren. Und Vivi macht die Organisation von Customer-Service und Team-Happiness. Und dann haben wir noch eine Mini-Joblerin dabei, die Raphaela. Unser Team wächst gerade in dieser scary Zeit.

Na ja, du hast ja vorhin schon gesagt, dass man die Dinge so oder so sehen kann. Vielleicht seid ihr ja einer der Fälle, wo einige Dinge jetzt sogar durch die Situation beschleunigt wurden?

Das stimmt. Aber auch nur, wenn wir dann auch wieder volle Klassen anbieten können, denn sonst ist die Kohle einfach nicht da.

Aber machst du dir da ernsthafte Sorgen?

Ich muss sagen, dass ich so Momente habe. Es ist einfach diese permanente Unsicherheit. Ich habe da schon auch eine dunkle Seite, die dann sagt, du weißt es nicht! Und ich weiß es ja auch tatsächlich nicht! Alles ist also immer in den Startlöchern, wir haben die Inspiration, die Leute, die Lust, den Drive, aber es wird sehr davon abhängen, ob wir dann auch das Budget dafür haben.

Ich versteh die Sorge, das hier ist ja nun auch euer Lebensinhalt. Aber ich finde, ihr habt euch schon sehr geschickt aufgestellt.

Wir sind ja auch sehr adaptiv und ich denke, als Yogis sind wir auch super vorbereitet für genau solche Situationen. Panik passiert trotzdem, aber wenn man sich dann diese yogischen Grundsätze vor Augen führt und dem Universum vertraut, weiß ich auch, dass aus allem etwas Gutes kommen kann, wenn ich ihm die Möglichkeit gebe. Aber Gott sei Dank hast du nicht letzte Woche mit mir gequatscht, da war ich wirklich sehr negativ! Aber das muss auch mal sein. (lacht)