Schön sein reicht ja nicht

Das Gespräch mit dem Künstler und Tätowierer Moritz Lindur verlief diesmal etwas anders, als ich das bisher gewohnt war. Wie bei allen anderen Interviewpartnern wollte ich auch mit Moritz sprechen, weil ich an ihm als Person genauso interessiert war, wie an seiner Arbeit. Also war es für mich naheliegend, mich während seines Aufenthalts in München auch gleich in seinem Hotelzimmer von ihm tätowieren zu lassen.

InterviewMoritz LindurAugust 2020

Unser Treffen beginnt, als er mir die Tür zu seinem Hotelzimmer im Haus im Tal öffnet, in dem er seinen Gastauftritt in München verbringt. Es ist ein sehr warmer Empfang, Moritz ist ein quirliger Kerl und voller positiver Energie, und ich unterhalte mich schnell über Gott und die Welt mit ihm und seiner Freundin Franny, die ihn auf seiner Tour begleitet. Wir schießen dabei auch gleich mal ein paar Fotos im Hotelzimmer, bevor wir anfangen, über das Tattoo zu sprechen.

Moritz in seinem Hotel-Zimmer im Haus im Tal, das als temporäres Tattoo-Studio herhält, während seines Aufenthalts in München.

Moritz: Ich werde dich jetzt so ein bisschen bombardieren mit Ideen, was wir machen könnten. Wenn du dir das anschaust, ignorier bitte die Körperstellen und die Größen. Wir können alles in alle Größen und Formen ziehen. Es geht jetzt erstmal darum, was dich von der Ästhetik her anspricht – ob wir jetzt eher so eine super softe Sache machen oder eher solche Kompositionen. Aus den Sachen, die dich dann ansprechen, versuchen wir, für dich was Neues zu entwickeln. Danach quatschen wir dann mal darüber, an welcher Stelle du das gern hättest, und dann werde ich auch mal anfangen, auf dir rumzumalen.

Moritz drückt mir sein iPad in die Hand, auf dem ich erstmal in Ruhe seine Ideen durchforsten kann. Ich sehe hauptsächlich zwei Richtungen in seinen Arbeiten: Einerseits sehr fließende Sachen, die harmonisch mit den Körpern spielen, auf denen sie sich befinden und andererseits visuell schnellere, kantigere Symbole und Linien, die deutlich mehr Kraft versprühen. Für mein Tattoo an diesem Tag spricht mich gerade die weichere Richtung mehr an. Und ich habe das Gefühl, dass Moritz das davor schon im Gespür hatte.

Nachdem ich fertig bin mit dem Durchschauen seiner Beispiele, fangen wir an, über die Positionierung zu sprechen. Ich hatte zuerst die Idee, drei Finger zu tätowieren, aber ich merke schnell, dass Moritz eher zu einer größeren Fläche tendiert. Ich bin offen – bei Tattoos neige ich eh zu einer gewissen Sprunghaftigkeit, aber ich sehe seine Arbeit auch anders, als viele andere Tattoos – mehr als eine Kunstform, in der man dem Künstler Freiraum lassen sollte, um wirklich bei einem Werk anzukommen, dass seine Persönlichkeit zu gleichem Teil repräsentiert, wie auch meine.

Sven: Was hältst du davon, wenn wir hier am Knie arbeiten? Deine Sachen bieten sich ja an für Stellen, die auch in Bewegung sind, oder?

Genau, man kann auch Stellen machen, die man sonst nicht so gut tätowieren kann. Dann lass uns doch einfach mal anfangen, ein bisschen auf dir rumzumalen.

Ich mache es mir auf der Liege gemütlich, die direkt an der riesigen Fensterfront des Hotelzimmers steht. An diesem Sommertag hat es draußen schon jetzt 30 Grad, aber im Zimmer ist es noch angenehm kühl. Wir sprechen noch ein bisschen über dies und das – von Handschuhgrößen bis zu Sympathie gegenüber der bayrischen Polizei – während Moritz sich vorbereitet.

Wie kam das zustande, dass du hier aus dem Hotelzimmer heraus tätowierst?

Marlon (@marlonschuler), ein guter Freund von mir, hat hier die Popup-Bar Le Coq (@lecoq_munich) auf der Dachterrasse des Hotels, und bei dem hatte ich schon davor in irgendwelchen Locations tätowiert. Ich hatte ihm nur einen Flyer geschickt und dann hat sich das Hotel bei mir gemeldet, ob ich Bock habe, hier zu tätowieren. Ich war eh noch auf der Suche.

Und du warst davor gerade in Wien?

Genau, in Wien hab ich im Studio einer Fotografin gearbeitet. Super cooler Vibe, da hatte ich richtig Spaß. Großes Fotostudio, immer viele Leute da. In Wien war ich vor zwei Jahren das erste Mal und seit dem war ich zehn Mal da.

Freehand session in Basel.

Bist du zum Tätowieren viel unterwegs oder machst du das hauptsächlich in Berlin?

Hauptsächlich tätowiere ich unterwegs. In Berlin versuche ich meisten eher meine Zeit damit zu verbringen, im Studio zu malen. Alibimäßig leg ich mir oft einen Termin morgens, damit ich früh ins Studio gehe, weil ich sonst auch gern noch mal liegen bleibe, und mit einen Tattoo startet man so geil in den Tag.

Ich male jetzt mal auf dein Bein und mache dann ein paar Fotos und du läufst dann auch noch ein bisschen rum, dann kannst du dir das mal anschauen. Das ist ja immer was anderes dann. Ich find die Stelle ganz geil. Das ist eigentlich eine Stelle, wo nie Tattoos hinpassen und jetzt können wir mit der Körperbewegung arbeiten und das an deinen Körper anpassen. An der Stelle hat man auch andere Möglichkeiten, als wenn man eine rechteckige Fläche hat, wie die Wade. Da könnte ich dann einfach eine Komposition bauen. Das finde ich ja auch das Spannende, wie sich die Formen mit den Körpern ändern.

Moritz malt mehrere ganz unterschiedliche Versionen auf mein Knie, lässt mich zwischendrin jede Variante im Spiegel begutachten und macht Fotos davon als Referenz für später. Nach ein paar Variationen wird mir klar, dass er schon im zweiten Anlauf eigentlich ziemlich genau meinen Geschmack getroffen hatte. Er malt eine frische Version davon noch einmal auf und gibt mir damit noch eine Weile, während wir auf den Balkon gehen, um eine zu rauchen. Dann geht es los mit dem Stechen.

Ich muss zugeben, dass ich das Surren der Tattoo-Gun schon immer geliebt habe. Obwohl Tätowiertwerden natürlich immer auch mit Schmerz verbunden ist, finde ich den Vorgang die meiste Zeit über sehr entspannend. Während des Stechens reden wir kaum. Moritz ist konzentriert und versucht an die vertrackten Stellen an der Seite meines Knies zu kommen. Ich schieße ein paar Fotos und lehne mich ansonsten zurück.

Classic sunburn.

Moritz: Ja juti, wir sind fertig! Dann wickel ich dich mal ein und dann mach ich nachher mal paar Fotos von dir zur Abwechslung. (lacht) Das blutet jetzt erst noch ein bisschen, diese dicke Linie. Achte auf deinen Kreislauf, wenn du aufstehst.

Da bin ich eigentlich recht solide.

Jetzt im Sommer, letztens, ist mir einer mal ohnmächtig geworden. Ich hab da eigentlich auch noch was Lustiges zu erzählen. Ich hab aufgehört, Schwarzflächen zu tätowieren, weil mit schlecht wird, wenn ich Blut sehe. Das hat sich irgendwie bei mir entwickelt. Früher habe ich auch gern mal so große Kreise gefüllt – kann ich leider nicht mehr. Als ich ausgezogen bin mit 17, bin ich erstmal Dachdecker geworden, schwarz auf dem Bau, und hab den ganzen Tag mit Dachlatten hantiert. Und kurz vorm Ende des Jobs hab ich eine Phobie gegen trockenes Holz entwickelt. Ich konnte das kaum noch berühren, mir wurde schlecht und ich hab mir die Lippen aufgebissen, so wie bei anderen Leuten mit Kreide oder Fingernägeln an der Tafel. Das ist wieder weggegangen, bis vor ’nem Jahr hab ich allerdings noch IKEA-Regale mit Gummihandschuhen aufgebaut.

Fandest du den Job vielleicht auch sehr scheiße?

Ja. (lacht) Und dann wurde mir schlecht beim Tätowieren bei viel Blut und ich hab mich gefragt, wie das denn zusammenhängt, und dann ist mir auch bewusst geworden, dass ich Tätowieren echt liebe, es aber gar nicht aushalte, Schmerz zu verursachen. Auch wenn das natürlich weh tut, aber deshalb bin ich da so zwiegespalten, da ist mein Kopf so ganz komisch. Aber ich hab gemerkt, seit ich nicht mehr diese großen Flächen schwärze, ist das auch kein Problem mehr, die sind halt deutlich schmerzhafter und das ist mir einfach zu krass. Mein ältester Freund tätowiert Blackwork, so ganz große schwarze Flächen, und der tätowiert auch als Gast bei mir im Studio. Aber ich kann nicht mehr zuschauen, wenn der da ist. Ich kann das nicht aushalten, das ist einfach purer Schmerz und das dauert so lange. Du hast ja gesehen, bei mir dauern die Sessions im Schnitt so drei Stunden und davon sind zweieinhalb Stunden Quatschen, eine halbe Stunde ist dann Tätowieren und Schmerz und so finde ich die Quote dann auch ganz gut, wenn man deutlich mehr Positives als Negatives in einer Session hat. Das erste Mal ist mir das aufgefallen, da war ich in einem Studio bei einem Freund in Köln und jemand hat sich die Innenseite von der Lippe tätowieren lassen. Mein Freund hat mich dann gefragt, „Hey Moritz, kannst du mal die Lippe halten?“, und ich so, „Na klar.“ Ich halte dann die Lippe und es kam direkt Blut raus und ich hab sofort in den Mülleimer gekotzt. Ich hab mich dann auch gefragt, was ist denn jetzt los? Aber ab da konnte ich das Bluten nicht mehr so ab. Deswegen wickle ich das auch gleich ein, ich will das Bluten gar nicht sehen. Auch wenn das so in den Körper eingebrannt ist, ich find’s immer schön, wenn man das so schmerzfrei wie möglich gestalten kann.

Blackwork ist schon so ne Sache für sich … (ich drehe mich um, ziehe mein Shirt ein bisschen nach oben und zeige ihm meinen Rücken, auf dem auch eine Menge Schwarz ist)

Ja genau! Ich seh’s bei dir schon die ganze Zeit im Nacken. Und es gibt Schmerz und es gibt Kurz-vor-der-Ohnmacht. Ich hab das ja auch am eigenen Leibe erlebt. Ich bin ja von Kopf bis Fuß zutätowiert und ich find’s auch wichtig, dass ein Tätowierer weiß, was er für Schmerz auslöst. Das hat ja auch was mit Einfühlungsvermögen zu tun, und wenn man selber so gar keine Ahnung hat, ist es ja auch schwer, auf den Schmerz einzugehen. Eigentlich müssen Tätowierer nicht tätowiert sein, aber sie müssen verstehen, was sie dem Kunden antun.

Aber dafür muss man eigentlich überall tätowiert sein, die Stellen sind ja so unterschiedlich.

Genau, weil jeder Schmerz so unterschiedlich ist. Aber die meisten Tätowierer sind ja wie ich von oben bis unten zu. Ein guter Freund von mir, Luca (@lugosis), auch ein sehr bekannter Tätowierer und Graffitikünstler, dem hab ich neulich, ich glaube, sein Tattoo Nummer 320 gestochen. Der ist genau so alt wie ich – 27. Aber eigentlich versuche ich mich ja aus dieser Tattoowelt möglichst rauszuhalten, weil ich es wichtig finde, dass man möglichst seinen eigenen Weg findet und sich nicht durch so eine Social-Media-Reizüberflutung zu sehr angleicht. Wenn ich bei Instagram rumscrolle und die große Schlange oder das Messer sehe – und ich find die Sachen gut, damit hat das gar nichts zu tun –, aber ich finde, das kriegt immer so einen negativen Charakter, wenn es so inflationär eingesetzt wird. Wenn auf Instagram jede Frau dieselbe Schlange eintätowiert hat, dann wird das wie ein T-Shirt, aber für mich ist ein Tattoo kein T-Shirt. Genauso wie ich Aztekentattoos cool finde, weil ich die Geschichte kenne und sie schön finde, ich aber absolut nicht verstehen kann, wie man sich 2020 ein Aztekentattoo machen lassen kann. Für mich ist das was Geschichtliches und die meisten Leute, die sich das tätowieren lassen, haben null Prozent eine Verbindung zu der Kultur, sondern die finden einfach nur, das ist cool und sieht gut aus. Und das finde ich einfach ein bisschen schade, weil ja auch voll viel Potential in der heutigen Kunst steckt. Warum möchte man denn seinen Körper nicht lieber dahin stellen, wo man gerade ist, also mit zeitgenössischer Kunst, vielleicht sogar aus der eigenen Stadt? Da frage ich mich dann schon, ist das jetzt nicht mehr als ein T-Shirt? Und ich arbeite schon sehr krass als reines Schmuckstück, bei mir ist kein Text, kein gar nichts, trotzdem ist die Aussage hinter einem Tattoo von mir was anderes. Ich hatte letztes Jahr jemanden, der hat mir was total Schönes gesagt darüber, wie er mein Tattoo empfindet. Das hatte ich davor oft schon selbst gedacht, aber oft muss ja jemand anders ein paar Worte aussprechen, damit man das so richtig merkt. Der kam extra aus L.A. für ein kleines Tattoo auf dem Finger.

Das alleine ist ja schon ein tolles Kompliment.

Ja total! Und das hab ich schon viel gehabt, auch aus dem asiatischen Raum, so aus China oder Singapur, aus Japan – auch aus den USA super viel. Das ist natürlich ein unglaublich tolles Gefühl, dass sich jemand auf so eine Reise begibt, um einen Teil deiner Kunst zu bekommen. Ach ja, genau, was er mir dann gesagt hat, war, er wurde in L.A. oft darauf angesprochen: „Cooles Tattoo! Was bedeutet das denn für dich?“ Jeder will ja immer eine Bedeutung, schön sein reicht ja nicht, und er meinte, „Das ist einfach mein Sinn von Ästhetik.“ Da sagte ich dann auch, ja, das ist auch mein Sinn für Ästhetik! Und auch mein Teil der modernen Kunst irgendwie. Ich find das immer total schön mit Leuten, wie jetzt mit dir, zu arbeiten. Du musst dir überlegen, ich arbeite eigentlich den ganzen Tag mit kreativen Leuten aus unterschiedlichsten Richtungen. Und wenn man sich die Zeit nimmt, kann man von jedem was mitnehmen, wenn man mit den Leuten quatscht. Und durch diese Social-Media-Kontakte, die man dann knüpft, mit Leuten, mit denen man Interessen teilt, ist das so krass! Ich hab ja davor im Eventmanagement auch schon den ganzen Tag telefoniert, aber das hat sich wirklich noch mal verändert. Ich reise ja echt viel und meine Standardkunden sind Architekten, Grafikdesigner, Künstler, Köche. Teilweise auch noch viel konservativer, ich hatte auch schon ’nen Staatsanwalt da.

Wahrscheinlich ein Staatsanwalt mit Kunstverständnis, oder?

Ja klar, und das war auch super special, aber ich hab auch schon mehrere Anwälte tätowiert, so ist es nicht.

Ich glaube, gerade bei diesen abstrakten Sachen, wie du sie machst, das ist wie mit Musik. Die meisten Leute mögen auch nicht gleich Jazz – weil es komplex ist. Man muss erst dahin kommen, wo man das verstehen kann. Und mit Kunst und deinen Tattoos, die dann das Medium dafür sind, ist es genauso. Damit man das wertschätzen kann, muss man sich davor schon mit kreativen Dingen beschäftigt haben, damit man die Palette dafür hat.

Auf jeden Fall, das merke ich auch oft. Zum Beispiel wenn bei Instagram ein Tattoo total durch die Decke geht, keine Ahnung, man hat 10.000 Likes oder whatever, da geht das dann verloren. Da sehen die dann eine Linie auf einem schönen Menschen und finden die Ästhetik toll, aber halt nur auf dem einen gehypten Foto, und das sind dann so die einzigen Leute, die sich mal verlaufen. Aber alle anderen verstehen irgendwie, wo dann die Arbeit herkommt – das also gerade ein Prozess weiterläuft, der aber trotzdem auch schon stattgefunden hat. Das ist, was ich super interessant finde. Ich will ja auch bei dir wissen, was machst du für Interviews, mit wem setzt du dich auseinander? Das sind ja auch für mich so Sachen, die so megageil sind! Ich hab gemerkt, je mehr man reist, umso größer wird dadurch auch das Netzwerk, und mittlerweile ist mein Freundeskreis jenseits von Gut und Böse. Ich hab halt drei oder vier Städte, in denen ich wohne – in London, Paris und Wien bin ich im Zweimonatsrhythmus. Dann merkt man auch irgendwann, wie einfach das eigentlich ist. Mit den neuen Möglichkeiten wie Social Media wird ja auch die Welt immer kleiner, man hat nicht mehr diese Grenzen. Es ist scheißegal, ob ich die Bilder hier oder da male, egal, wo ich die Tattoos mache. Natürlich hab ich auch meine Grenzen, ich würde zum Beispiel gern mehr in Italien arbeiten.

Warum gerade Italien?

Ich find Italien einfach total geil. Ich liebe das Dolce Vita, mag dieses Lebengenießen, drei Mal am Tag Essen gehen mit den Freunden und trotzdem noch diesen kreativen Austausch zu haben. Der Italiener redet ja auch einfach gerne viel und egal wie schlecht die englisch sprechen, kannst du die ganze Nacht mit denen englisch reden. Ist denen scheißegal, ist denen nie unangenehm. In Frankreich ist das ja ganz anders.

Eines von Moritz Projekten, das sich über mehrere Körper erstreckt.

Das absolute Gegenteil. (lacht)

Ja, da brauche ich dann so halb meine Dolmetscher um mich rum. Meine Freundin spricht fließend Französisch, viele meiner Freunde auch. Total random. Aber man merkt, die Welt wird auf einmal viel größer, aber gleichzeitig auch viel kleiner, denn man kann ja eigentlich überall hin, auch durch dieses Billigfliegen. Wobei ich jetzt gerade auch einem Punkt bin, wo das alles switcht, ich versuche so wenig wie möglich zu fliegen, mehr Zug zu fahren, aktiver auf die Umwelt zu schauen und auch so meinen Platz in der Welt zu kennen. Aber das kommt tatsächlich erst jetzt so mit diesem Heranwachsen. Früher war’s natürlich geil, acht Mal im Monat am Flughafen zu sitzen.

Wenn das neu ist, feiert man das ja auch.

Das war geil, Jetset! Morgen auf der Party in New York und dann bist du in London und hast überall Freundeskreise. Ich komm aus Köln, und was mich da immer gestört hat, ist, der Kölner denkt, Köln sei der Mittelpunkt und auch die schönste Stadt der Welt. Köln hat super schöne Seiten und es würde mir auch viel besser gefallen, wenn da nicht jeder denken würde, es wäre die geilste Stadt. Das beschränkt so viele Leute.

Zu provinzielles Denken?

Genau, und das hat mich gestört, seit ich 16 war. Deswegen war das für mich auch sehr wichtig, da rauszukommen aus dieser Box.

Und das hat dann mit dem Tätowieren geklappt.

Das hat mit dem Tätowieren geklappt.

Ohne Social Media wäre das wahrscheinlich nicht möglich gewesen, oder?

Natürlich nicht. Ich glaube, ich war in unserem Freundeskreis der letzte, der ein Smartphone hatte und hab das auch total verteufelt, und jetzt finanzier ich mich quasi komplett durch Social Media.

Auf deinem Account hast du gar nicht so viele Fotos. Aber 26.000 Follower. Wie lange bist du denn da schon dabei?

Das liegt daran, dass ich viele Fotos lösche und dass ich auch nur ganz bestimmte Sachen hochlade – eher die schönen Fotos, statt der schönen Tattoos. Und es liegt auch daran, dass ich sehr schlecht bin in Social Media. Ich hab ’ne Erinnerung auf dem Handy, was hochzuladen, und meine Freundin erinnert mich daran, aber irgendwie bin ich eigentlich gar nicht so der Social-Media-Crack.

Quarantine paintings. „zoom“, industrial paint on wood, 150cm x 100cm

Aber das zeigt ja nur umso mehr, wie sehr deine Kunst die Leute anspricht.

Ich glaube, da würde ich meine Kunst höher heben, als sie ist. Meine 20 Lieblingskünstler haben alle unter tausend Follower auf Instagram und ich glaube absolut nicht, dass gute Kunst was mit vielen Followern zu tun hat oder so. Die hohe Zahl beruht einfach auf meinen Reisen. Ich bin so viel hin- und hergereist, und immer wenn man in einem anderen Studio war, posten das viele, und wenn man die ganze Zeit in einer Stadt arbeitet, hat man das nur in dem Raum. Aber ich hab ja systematisch Städte abgehakt und wollte in möglichst vielen Ländern möglichst viele unterschiedliche Leute tätowieren. Dadurch verändert sich so eine Reichweite total. Social Media ist aber immer noch ein großes Fragezeichen für mich – warum das bei mir groß geworden ist und bei anderen nicht.

Ich denke, da ist aber auch viel – vielleicht nicht Zufall, aber …

Ey, schon auch viel Zufall! (lacht)

Man wird einmal irgendwo gefeatured und dadurch ist man schon mal eine Stufe höher, von der aus man wieder etwas leichter erreichbar ist. Ich glaube, darüber multipliziert sich das auch.

Genau.

Wer also schon weiter oben ist, hat es wieder leichter, von dort aus weiter nach oben zu kommen.

Ich hab auch immer wieder so Phasen, wo ich mich mehr damit auseinander setze. Im Sommer häng ich kaum bei Instagram, mach aber viel mehr Storys, weil ich immer irgendwas Schönes draußen sehe und dann doch auch so ein Mensch bin, „Guck mal, mein Leben hier und mein Leben da“. Von den 26.000 Followern kennt man ja dann doch 500 bei denen man sich freut, das mit denen zu teilen. Und dann ist man doch genauso ein Idiot, der dann mit der Kamera da steht und den Elefanten filmt.

Ich glaube, das geht uns aber allen so. Nur eben ohne die 26.000. (lacht)

Ist halt so! Ist ja auch was Schönes. Tatsächlich bin ich ja immer so halb am Überlegen, wo ich als nächstes hinziehe. Und Berlin ist es halt geworden aus einem Zufall. Ich hab an dem Tag, als mein Vertrag bei der Arbeit ausgelaufen …

Das war der Job im Eventmangement?

Genau, ich hab Eventmangement studiert und Konzepte geschrieben für Veranstaltungen, hab vor allem so Kunstveranstaltungen kuratiert und bin da schon immer viel mit Kunst in Verbindung gekommen. Genau, und das … jetzt hab ich komplett den Faden verloren.

Ich glaube, du wolltest erzählen, was dich nach Berlin verschlagen hat.

Ach so, genau! Es war echt so, Köln ging gar nicht mehr. Ich war eh schon fünf Jahre länger da, als ich wollte, aber ich war in so komische familiäre Geschichten verflochten mit dieser Stadt. Und als dann aber so diese Grenze des Arbeitsvertrags fiel, den ich halt so erfüllen musste in meinem Kopf, hab ich alle Leute in meinem Freundeskreis angerufen – London, Paris, wattauchimmer: Ich brauch ein Zimmer, hat irgendwer irgendwas? Am nächsten Tag rief mich ein Freund an und sagte mir, dass sie ein ganz kleines WG-Zimmer in Berlin frei hätten, ich könnte sofort einziehen. Und ich sagte nur, ich komme heute oder morgen! Ich bin in mein Zimmer gegangen, hab alles in Müllsäcke gepackt und weggeschmissen. In die anderen Müllsäcke hab ich alle meine Klamotten geworfen, meine Matratze eingerollt, von einem Freund ’nen Kombi gemietet und bin nach Berlin gezogen. Ich hab alles stehen und liegen lassen.

Du brauchtest einen klaren Cut?

Ich brauchte den Cut. Ich hab in Köln aber auch fast sieben Tage die Woche gearbeitet, war von Montag bis Freitag in der Agentur, Samstag, Sonntag dann in der Universität in Düsseldorf und nachts eigentlich weniger schlafen, nur sprühen gehen. Weil ich den Ausgleich brauchte zu der ganzen Scheiße und weil diese Welt auch eigentlich nicht meins war, ich das aber nicht kommunizieren konnte. Damals fand ich es ja auch irgendwie cool, jung und in einer coolen Agentur zu sein. Es war ja auch alles eigentlich voll positiv und alle dachten, bei mir läuft’s ja am besten. Und den Schein habe ich voll lange aufrecht erhalten.

Ich fürchte, in die Falle tappen viele.

Genau, ich hab diesen Schein super lange aufrecht erhalten, bis ich dann wirklich mit allem gebrochen habe und nach Berlin gegangen bin. In Berlin hab ich die ersten sechs Monate keinen Alkohol getrunken, gar nichts, was mich mit meinem Kopf irgendwie aus der Bahn wirft. Ich hab total systematisch die Stadt erkundet. Mir ging’s sehr sehr gut und sehr sehr schlecht gleichzeitig, weil es wirklich ein Break war. Und dann fing es an, dass ich mich erst mal gefragt habe, was will ich eigentlich wirklich? Das heißt, ich hab Bewerbungsgespräche geführt. Ich war 23, hatte ein abgeschlossenes Studium und eine abgeschlossene Ausbildung in der Branche und dazu vier Jahre Berufserfahrung – was halt wie ein Sechser im Lotto ist, wenn man sich da für irgendeinen Job bewerben will, alle nehmen einen mit Kusshand. Und ich hab mir nach jedem Bewerbungsgespräch nur gedacht, nee, ich kann mir nicht vorstellen, hier zu arbeiten. Dann bin ich ins Berliner Nachtleben gekommen und hab da gearbeitet, hab wieder angefangen, total viel zu malen und dann ging’s los. Ich saß mit ein paar Freunden zusammen und wir haben uns alle gefragt, was machen wir eigentlich? Und meine Oma war gerade gestorben und ich hatte von ihr mickrige tausend Euro geerbt, aber das waren die wichtigsten tausend Euro, die ich je bekommen hab, das war dann nämlich das letzte Geld, das ich noch hatte. Davor hatte ich in Köln ein bisschen gespart und hatte die Miete für sechs Monate gezahlt und ich konnte mich so durchhustlen mit ein paar Barjobs in Berlin. Von diesem letzten, letzten Geld hab ich mir dann eine Tattoomaschine gekauft. Wir waren ja alle so am rumtätowieren und ich dachte mir, das macht mir total Spaß und vielleicht wird das ja was. Mein ganzer Freundeskreis in Berlin bestand eigentlich aus Künstlern und es war immer klar, dass keiner von uns irgendwas 08/15 macht. Das funktioniert bei uns einfach nicht! Man kann dann nicht einfach traditionell tätowieren, das passt gar nicht und das sind wir auch gar nicht. Und deswegen war es für mich auch super wichtig, meine Kunst, also was ich so oder so die ganze Zeit male, aufs Tätowieren zu adaptieren. Und so entstand dann der ganze Stil, den ich jetzt tätowiere, aus einer leichten Trotzreaktion einer Subkultur gegenüber, die eigentlich so underground ist, aber trotzdem vollgepackt ist mit Regeln. Hmm, nee, die Linien müssen so sein, du musst Schattieren können, so das nicht und so das nicht.

Zu reich zum tünchen, zu arm zum streichen part 2 with @franaya_twaine

Acryl and whitewash on canvas, 100cm x 70cm, Berlin 2020

Aber das ist ja häufig so. Hippies sind ja oft auch die größten Regel-Nazis und haben so fixe eigene Regeln in ihrer Subkultur. (Man sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich gerade mit meinen langen Haaren gemeinsam mit einem Tätowierer im Schneidersitz auf dem Boden sitze.)

Und für mich war diese Tattoo-Subkultur auch so ein Regel-Nazi-Club, genau wie die Graffiti-Subkultur. Und bei Graffiti war ich noch jünger, da musste ich mich so reinboxen, da wurden wir erst zu diesen Antis, nachdem wir vorher schon Teil der Szene waren und ausbrechen wollten. Aber beim Tätowieren hatte ich so gar keinen Bock, mich auch nur ansatzweise reinzudrücken. Das fing aber auch gut an. Dadurch, dass unser Freundeskreis schon relativ viel tätowiert war, war es sehr einfach zu sagen, „ey, darf ich mal sowas machen, oder mal sowas machen?“ Und die Leute kannten meine Kunst sowieso und dann durfte ich solche Sachen machen. Und ich glaube eh, die wichtigste Werbung, um coole Tattoos anzufangen, ist, du musst sie halt mal irgendwie stechen. (lacht) Und das Problem beim Tätowieren ist halt, dass du dir nicht nur eine Leinwand kaufst, sondern du brauchst einen lebenden Menschen, der das dann auch den Rest seines Lebens mit sich rumträgt. Und das ist dann halt diese tricky Stelle, die bei uns aber super gut funktioniert hat, weil eh schon viele tätowiert haben, nebenbei und irgendwie, und alle waren super easy mit ihrem Körper. Berlin ist eh so ’ne Stadt. Am Anfang haben dann auch zwei so berühmte Freunde von mir, die recht große Instagram-Accounts haben, gepostet, „hier, der macht was“. Und ich hab zwei Wochen umsonst gemacht und hab in der Zeit wahrscheinlich so viele Leute tätowiert, wie manche Leute in ihren ersten zwei Jahren. Und ich hab in den ersten zwei Jahren so viele Leute tätowiert, da könnte man meinen, das wird dann so inflationär, aber wir sind halt acht Milliarden Menschen auf der Welt.

Der Pool ist quasi unerschöpflich.

Genau, der Pool ist unerschöpflich und die Unterschiede sind unendlich, das heißt, jeder Mensch, der vor dir liegt, ist eine komplett andere Leinwand, und dadurch entsteht jedes Mal was komplett anderes.

 

Gerade weil du eben keine fixen Sachen machst, sondern direkt auf den Körper malst.

Genau, genau! Und ich denk auch immer wieder, ich muss doch mal an ein Limit kommen und ich mach doch auch nur Linien, aber ich bin immer wieder darüber erstaunt, dass es klappt. Ich hab ja das Gefühl, irgendwann werd ich Fotorealismus machen – das ist dann die letzte Stufe der Linie, die einfach scheiße ist. Weißt du, so, wie scheiße kann eine Linie werden? Okay, Fotorealismus! (da müssen wir beide lachen) Aber es ist total witzig, dass es dann doch immer wieder weitergeht und man in der Richtung immer wieder was Neues findet und es nicht langweilig wird, auch für den Zuschauer. Natürlich bin der größte Zuschauer jetzt erst mal ich, der alles sieht. Aber es sind natürlich auch noch ein paar andere Leute, mit denen ich mich über meine Arbeit austausche, und das ist dann immer wieder interessant. Und ich bin auch so krass dankbar und wahrscheinlich auch der body-positivste Mensch, den du kennst, weil ich grundsätzlich alles erst mal interessant finde. Manchmal finde ich es auch ein bisschen schade, und vielleicht ist daran auch mein Instagram schuld, dass ich keine Frauen tätowieren kann, die vielleicht mal 190 Kilo wiegen oder so. Das ist für mich auch was total Interessantes mit so einem Körper zu arbeiten und was ganz anderes. Aber ich merke, dass so Leute sich seltener tätowieren lassen, weil du auf Instagram dann eben die Models siehst. Und das sind natürlich die Fotos, die ’ne Menge Likes kriegen, die wo die halbnackte Zwanzigjährige steht. Aber ich hatte da schon so Phasen, wo ich gemerkt habe, ich tätowier jetzt nur noch die Zwanzigjährige mit der Topfigur – super schön, aber die Tattoos bleiben relativ ähnlich. Und mit diesen Social-Media merkt man dann auch, da kommen dann auf einmal die Architekten und das wird dann alles sehr ähnlich, sehr statisch – voll interessant, dass die immer so eine bestimmte Art von Komposition haben wollen. Die haben auch immer einen ähnlichen Blick auf bestimmte Aspekte meiner Tattoos. Aber wenn du dann nur noch Architekten stichst, dann stichst du auch nur noch so ein Zeug, weißt du? Und da würde ich gerne mal posten, „Ey, fuck off, was du hier auf dem Profil siehst, lass mal zusammen was machen, gerade wenn du mal was ein bisschen anders siehst!“ Aber das ist eben schwer zu kommunizieren. Die Leute denken ja auch manchmal, ich lade alles was ich mache, auf Instagram hoch – totaler Schwachsinn! Ich frag die Leute davor, ob das okay ist, und wenn ich Ganzkörperkonzepte steche, dann sind die meisten Leute nackt, das veröffentliche ich nicht. Aus den letzten Wochen hab ich viele Leute, wo ich was hochladen kann. Aber es wird auch nicht geurteilt. Klar, in unserer Gesellschaft wird immer verglichen, aber für mich hat jeder Körper ’ne Ästhetik, das ist scheißegal, wie fett und krumm und schief der ist! Und gerade die fetten, krummen, schiefen, komischen Körper sind doch die, die total interessant sind.

Study. Selfmade paper.

Vor allem für dich, die sind ja gerade deine Leinwand!

Ja, auf jeden Fall! Je komplizierter, desto besser, weil dann macht man Sachen, die wegkommen von dem Üblichen. Wenn du anfangen musst, deine Sachen zu ändern, weil der Körper das nicht hergibt, dann wird es richtig interessant. Aber das muss man ja erstmal finden. Wenn ich vor den Leuten stehe, dann kann ich denen das natürlich erklären, aber auf Instagram, da ist nur ein Foto, was soll ich da erklären?

Du brauchst erstmal die Gelegenheit, an die Leute zu kommen.

Genau, genau, und das war halt auch immer ein Grund für die vielen Reisen. Du merkst schon, dass du in Spanien andere Körper und Hauttypen hast als in Deutschland. Auch bei uns in Europa hast du da schon Unterschiede. Oder auch, wenn man dann in die USA kommt, denn natürlich gibt es hier auch Schwarze, aber ich habe jetzt nicht viele schwarze Kunden, was ich super schade finde, weil das auch nochmal ein ganz anderes Level ist, so ein ganz anderer Hautton.

Ich kann mir vorstellen, dass man da ganz anders tätowieren muss.

Ja, voll schwierig, auch weil man es einfach nicht so kennt. Deswegen war ich auch immer so gern in New York, weil ich da einfach viel mehr verschiedene Ethnien tätowiert habe. Und da muss ich sagen, steht man manchmal wirklich vor einem Problem und durch die Lösungsansätze ändern sich dann deine Arbeiten und man kommt auf neue Ideen. Zumindest ist das bei mir so. Ich bin natürlich von tausend Sachen inspiriert, ich guck mir auch vieles auf Instagram an, bin ein totaler Fan von Museen, ich guck mir klassische Malerei an. Ich bin ein Nerd, was Malerei angeht, durch und durch. Vor allem was zeitgenössische Kunst angeht, da kannst du dich mit mir stundenlang unterhalten und ich kenn mich wirklich aus. Ich sammle nix außer Kunstbücher, da könntest du mal ein Foto machen, wenn du mal in Berlin bist! Ich find das total geil, meine Arbeit kommt mit Sicherheit nicht nur aus dem menschlichen Körper, der ist die Rahmenbedingung, aber die Arbeit kommt natürlich aus allen möglichen Richtungen. Ich beschäftige mich auch super viel mit Schriften und minimalistischen Symbolen, Dynamiken, Strichdynamiken. Was bedeutet so eine Komposition an Ruhe und Unruhe? Das sind alles Themen, mit denen ich mich viel beschäftige. Zum Schluss quatscht man zwei Minuten und macht einfach so.

Aber da steckt viel mehr dahinter.

Genau. Meist hat man nicht die Möglichkeit, das ein bisschen tiefer zu beleuchten, wie jetzt mit dir. Aber das Schöne ist, dass ich oft, nicht jedes zweite Mal oder so, aber doch oft, das Gefühl habe, dass ich relativ gut ohne Worte mit meiner Arbeit das zeigen kann, woher das kommt. Also wenn man sich selbst ein bisschen mit Kunst oder Grafik oder so Sachen auseinander setzt, hoffe ich immer, dass die Leute, die meine Arbeit wirklich verstehen, auch verstehen, wo das herkommt. Klar, am Ende ist bei einem Tattoo immer das Gefühl am wichtigsten, dass einer sich freut über sein Tattoo, und das ist wichtiger als das die Arbeit perfekt ist. Perfekt muss es auch sein, also für meinen Sinn von Perfektion, sonst tätowier ich es nicht, aber ich kann mich auch mal ein bisschen zurückstellen, dafür dass es dem Kunden gefällt. Der trägt das dann ja mit sich rum. Ich wär auch gern mal experimenteller, aber oft merkt man auch, man muss was Neues nur einmal tätowieren, dann kann man das auch mehr machen. Die Leute müssen das nur einmal als Tattoo sehen. Aber manche Leute bringen einem auch super viel Vertrauen entgegen. Ein Freund von mir, @maison_hefner, auch ein Münchner und sehr sehr weit mit dem, was man machen kann mit Tätowieren, hat so ein Projekt gemacht mit blindem Vertrauen, wo die Leute das Tattoo wirklich erst nach dem Stechen gesehen haben. Aber das hatte natürlich einen anderen Kontext, weil es um Text ging, und jeder wusste eigentlich, wie es optisch danach aussieht.

Aber das macht es dann ja noch krasser, denn die Aussage kann ja alles sein.

Ja, aber er hat das immer auf Basis von einer Konversation gemacht. Er hat sich zwei Stunden mit dir unterhalten und hat dann versucht, was zu finden, was gut für dich ist, etwas, das zu dir passt. Und er ist ein sehr sensibler Mensch, der das sehr gut kann.

Aber das finde ich wirklich cool. Tätowieren ist ja auch nur ein Medium und ich sehe in deinen Arbeiten auch viele Dinge, die ich schon davor kannte. Niemand erfindet das Rad neu. Aber das dann auf ein komplett anderes Medium zu übersetzen, das finde ich interessant.

Voll! Ich bin mit Sicherheit auch nicht der Einzige, der abstrakt tätowiert. Da gibt es auch immer mehr Leute, die solche Sachen ausprobieren. Das Interessante ist halt immer die Herangehensweise. Ein gutes Beispiel ist auch ein ganz netter Kerl aus Berlin – manchmal, nicht immer, aber manchmal haben wir Tattoos, die sehr sehr ähnlich sind. Wo man fast meinen könnte, eins von seinen könnte von mir sein oder umgekehrt. Und wir verstehen uns auch total gut, aber uns ist aufgefallen, das Endprodukt sieht manchmal gleich aus, obwohl wir zwei komplett unterschiedliche Künstler sind und das aus komplett unterschiedlichen Ansätzen kommt. Er ist durch und durch Grafiker, hat Grafikdesign studiert, und alle Linien sind extrem krass positioniert, da ist nix aus einer einzigen Handbewegung, alles ist akribisch genau erstellt.

Aber ich finde, da sieht man bei dir auch zwei Richtungen. Einerseits diese flowige Richtung, wie jetzt auf mir, und andererseits dann aber härtere Sachen, die sich auch wieder oft mit sich selbst kreuzen. Das sind schon zwei ganz unterschiedliche Sachen.

Ja, aber das kommt beides aus einer Handbewegung heraus. Das eine ist nur eine ruhige Handbewegung und das andere eine hektische. Das Ergebnis ist zwar sehr anders, aber vom Aufbau her ist es sehr ähnlich, nur dass die Linie sich anders bewegt. Und daraus entsteht ein ganz anderes Gefühl. Ich hab mich auch lange mit Handschriften und mit Tags im Graffiti beschäftigt. Das fing bei mir tatsächlich schon als Kind an, denn meine Eltern sind für mich die zwei unterschiedlichsten Menschen auf der Erde und haben die zwei unterschiedlichsten Handschriften. Das war mir irgendwie schon immer voll krass bewusst. Ab dem Punkt habe ich gesehen, dass das irgendwas aussagt, auch wenn ich nicht wusste was. Ich weiß immer noch nicht was, aber in so künstlerischen Bereichen forscht du ja auch eigentlich immer nur, du bist ja nie fertig mit irgendwas. Und meine Mutter hat eine ganz geschwungene, super dynamische, strukturierte Handschrift – genau wie meine Mutter eben ist. Mein Vater hat genau die andere Handschrift. Und das sind die zwei Stile, die du in meiner Arbeit siehst. Super komisch, dass mir das jetzt im Rahmen von so einem Interview bewusst wird. Ich merke aber auch, dass mir das jetzt ganz viel gebracht hat. Man funktioniert ja ganz oft einfach nur, und manchmal wird einem vieles in so einer Interviewsituation dann erst bewusst, wenn man ganz grundlegende Aspekte seiner Arbeit so darlegen muss.

Aber komm, jetzt machen wir mal deinen Verband ab und schießen ein paar Fotos von deinem Tattoo.