Heimatliebe und Skate-Kultur gemixt

Menschen sind interessant, wenn sie sich selbst für vieles interessieren. Michael „Mixen“ Wiethaus ist ein gutes Beispiel dafür. Egal ob es um sein eigenes Kunst-Projekt #derbutter geht, ob er von der zutiefst bayerischen Tradition immer dagegen zu sein erzählt, oder über Diskriminierung spricht (die kennt er selbst, sein Spitzname kommt daher, dass er gemixt ist: halb ur-bayrisch, halb Thai), er ist immer mit Leidenschaft bei der Sache und das merkt man.

InterviewMichael „Mixen“ WiethausJuli 2020

„Ja Mei“ Risoprint (derbutter.com)

Mixen: Es ist halt so, gibt’s nichts zu beschönigen. Ich schau niiie ins Handy.

Sven: Ich hab auf deinem Instagram gesehen, dass du ne Menge Storys machst.

Ja, weil ich kann nicht einfach alles posten. Ich hab einfach schon früh festgestellt, seit ich das #derbutter-Projekt hatte, dass das super funktioniert. Man bekommt schnelles Feedback und mir macht’s irgendwie auch Spaß. Man kann halt jetzt so Geld verdienen.

Dein eigener Account ist eine Mischung aus deinem Leben und deiner Arbeit?

Ich hatte da nie was geplant. Ich hab halt Instagram so benutzt, wie man das gemacht hat, damals hat man das noch nicht als Tool verwendet. Und mehrere Accounts parallel kann man ja auch erst seit kurzem verwenden, ohne das man sich ein-/ausloggen muss – davor war mir ein eigener Grafik-Account zu blöd. Ich find’s auch cool, dass die Leute nicht nur meine Arbeiten sehen, sondern auch, wer ich bin und dass ich auch ein Mensch bin, mit Freundin und Kind und auch mal einen Saufen gehe. Das kann man ruhig sehen, dass ich ich bin, so wie ich bin halt. (lacht)

Man fühlt sich dann ja auch mehr verbunden mit den Leuten, hat sogar irgendwie dieses komische Gefühl, dass man die Leute kennt.

Man wird ja auch heutzutage so angesprochen, „hey, dich kenn ich über Instagram“. Manchmal würde ich dann auch am liebsten sagen, „du kennst einen Scheißdreck“. Du kennst die Fotos und weißt, was ich mache, aber du kennst mich nicht. No offense, aber das ist immer noch nur eine App. Da ist auch Privates drin, aber du kennst mich, also, das geht nicht.

„Nur Ned Hudln“ Risoprint (derbutter.com)

Mixen vor seinem Büro im Container Collective hinter dem Münchner Ostbahnhof.

Man hat halt nur das Gefühl, das man jemanden kennt.

Ja, aber es gibt schon Situationen, wo die Leute schnell über einen urteilen. In die Versuchung kommt man häufig. Seit Facebook, MySpace und dem Ganzen.

Warst du damals schon auf MySpace? Das hatte ich noch ausgelassen.

Klar, man hatte da ja einen Song, den man in sein Profil stellen konnte und es waren halt eine Menge Bands da. Das war so das frühe SoundCloud.

Was sind denn deine anderen Accounts auf Instagram gerade? Ich kenne nur den @wiethausmichael.

@soohotrightnow und die Gärtnerei von meinen Eltern (@gaertnerei.wiethaus). Also den von shrn mache ich eigentlich nicht, aber ich hab den Zugang. Da hau ich nur manchmal was rein. Dann noch den @panenka_football_club, von unserer Mannschaft. Und als es die @coma_gallery noch gab, hab ich den auch gemacht.

Wie ernst betreibst du denn den Account für die Gärtnerei von deinen Eltern?

Ich geb mir da schon Mühe. Das war halt wegen Corona. Die Gärtnerei ist mitten im Nirgendwo und klar, die Leute aus der Umgebung kennen das, aber wir planen schon lange, mal eine Website zu machen. Aber wie erreicht man heutzutage noch Leute über eine Website? Googlet man „Gärtnerei“? Instagram und Facebook haben auch Leute mit 40+, die sind auch auf Instagram und gucken da rein. (lacht)

Ich muss sagen, Facebook widerstrebt mir ja mittlerweile irgendwie.

Ja, ich hab’s immer noch. Mei, ich überleg schon immer mal wieder, ob ich den Scheiß mitmachen soll. Aber ich bin ja keine Agentur oder so, ich bin eine Einzelperson und ich muss schauen, dass man mein Zeug sieht. Je mehr Accounts man hat, umso besser ist es halt. Der Algorithmus bestraft dich sonst bitterlich. (lacht) So ist das halt. LinkedIn habe ich auch immer so abgetan, das betreibe ich quasi so aus Gaudi – meine „Business-Person“. Aber Leute suchen dich halt echt. Ich weiß nicht, ob LinkedIn mir nur erzählt, dass da soviel Leute drauf schauen, aber ich habe schon den Eindruck, dass gerade Headhunter und Agenturen da reinschauen.

Hast du denn viel Neukunden oder ist der Großteil des Geschäfts mit Leuten, mit denen du schon zusammengearbeitet hast?

Der Hauptteil meiner Kundschaft sind Freunde oder gute Bekannte. Über die kommt dann „ja, das hab ich da gesehen“, „willst du nicht mal das Büro ausstatten mit Plakaten“ oder „ich brauch ein Logo“. Aber das so ganz random jemand ankommt, ist ganz selten. Für St. Pauli hab ich mal was gemacht, aber das kam über mein Fußball-Interesse.

wiethausmichael.tumblr.com

Du fährst ja auch ein bisschen zweigleisig. Einerseits mit der Grafik, aber auch künstlerisch.

Das hat sich so ergeben. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass ich schon Kunst mache mit dem Projekt. Der Unterschied zwischen einem Grafiker und einem Künstler ist halt, das eine ist eine Dienstleistung und das andere kommt von dir heraus. Man kann natürlich auch Grafik für sich machen, das spreaden und Aufträge generieren, aber das ist noch mal was anderes als Kunst. Das kam halt aus mir, ohne das ich es wollte, und hat sich dann zu einem Business entwickelt.

Die Frage kennst du wahrscheinlich schon zur Genüge, aber woher kommt der Name deines Projekts #derbutter?

In der ganzen Republik sagen die Leute „die Butter“ nur im Süden halt nicht. Das sticht so raus, weil es so gegen Hochdeutsch steuert, dass es für mich der perfekte Name war.

Und wie hat das mit den Plakaten angefangen? Du nimmst ja immer was, das typisches bayrisches Sprachgut ist und visualisierst es dann …

Der Ursprung war, dass mich beim Weggehen Leute häufig gefragt haben, was „ja mei“ oder andere Ausdrücke, die in mir drin sind, heißen würden. Und obwohl ich Hochdeutsch spreche, kommt das halt raus. Was ja auch so ein Klassiker ist, ist die Uhrzeit – dreiviertel eins sagt man halt hier und in Hamburg ist es zum Beispiel viertel zwölf.

„Ein Trunk Zur Versöhnigung“ Risoprint (derbutter.com)

Womit ich immer noch nicht klar komme. (lacht)

Ich muss mich auch anstrengen, wie man das sagt außerhalb. Leute, die herziehen, kommen ja auch nicht klar, die müssen sich auch umgewöhnen. Und das ist bei #derbutter auch so. Das war so das Plakativste. Aber ja, wie ich drauf gekommen bin – ich hatte ne Zeit lang immer ein Büchlein dabei und hab das dann aufgeschrieben. Und während der Zeit war ich gerade relativ unglücklich in dem Job, in dem ich damals war, und hab immer mehr Sachen von mir auf Facebook und, ich glaube, auf der damals noch frühesten Generation Instagram rausgehauen. Und das Feedback war ganz gut. Dann hab ich das bei einer Ausstellung, die ich mit ein paar Freunden gemacht habe, relativ pragmatisch auf so großes Format gezeichnet. So wie ich das auch in dem Buch gemacht hatte, einfach gescetcht, und hab dann innerhalb kürzester Zeit alle drei Plakate verhökert. Und so dachte ich mir, das könnte funktionieren. Ich bin dann auch immer tiefer in die Materie reingerutscht. Sprache, warum interessiert das die Leute so? Warum hab ich da so ein extremes Feedback drauf? Sprache und bestimmte Ausdrücke berühren die Leute in ihrem tiefsten Innern: Die Oma sagt, der Opa sagt, oder die Eltern. Oder weil man im Exil wohnt – oder halt in einer anderen Stadt, Exil klingt immer so blöd – und sich an die Heimat erinnern will. Ne Breze kannst du dir in Hamburg schlecht kaufen, weil es die entweder nicht gibt oder scheiße schmeckt. Dann hängst du dir halt so einen Spruch rein. Das hab ich auch erst begriffen über den Austausch mit den Leuten, die das gekauft haben.

Es sind auch gerade jüngere Leute, die das so gut aufnehmen, oder?

Vielleicht liegt das auch an mir, wegen meinem Alter und weil ich Kanäle benutze, die von Jüngeren benutzt werden. Aber lustig ist auch, dass es oft weiterverschenkt wird an Onkel, Tanten, Eltern, und die finden das auch cool.

Du machst das schon seit ein paar Jahren, oder? Ich habe das Gefühl, ich hab deine Plakate schon vor fünf oder sechs Jahren gesehen.

Ja, fünf, sechs Jahre müsste das sein. Ich hab’s nicht mehr im Kopf.

Wie lief das denn an?

Ich hab mir ja nie was dabei gedacht. Ich hatte keinen Businessplan für #derbutter.

(Das brachte mich wirklich herzhaft zum Lachen.)

Man macht das halt. Das ist bei mir bei ganz vielen Sachen so. Das kommt vielleicht auch vom Skaten. Man sieht ein Skate-Video und will das dann auch machen. Dann holt man sich ne Kamera und hat keinen Plan davon aber versucht halt dann, das so aussehen zu lassen wie dein Lieblingsvideo. Ein pragmatischer Drive – wie Punk. Ich hatte auch nie Kohle, sonst hätte ich zum Siebdrucker gehen und sagen können, druck mir die mal auf 70×100, aber das ging nicht. Also hab ich einen Marker gekauft und einen großen Bogen Papier und das war’s.

Du hast alles von Hand gezeichnet?

Das ist mir auch wichtig, dass da Individualität drin steckt und dass es handgemacht ist. So was kann man nicht reproduzieren, Sprache funktioniert ja auch nicht so. Jeder der schon mal versucht hat, Dialekt nachzuahmen – das ist halt nicht real. Und ich habe für mich selbst auch beschlossen, dass ich meiner Kundschaft schuldig bin, dass jeder sein Plakat bekommt. Das hat sich besser angefühlt, als es durch den Drucker zu jagen. So funktioniert für mich auch Kunst irgendwie.

Mixen beim Durchblättern einer Serie von neuen Illustrationen.

Jetzt verkauft du aber auch Drucke, oder?

Genau, das sind Risodrucke. Da ist auch kein Druck wie der andere und die gibt es nur in Editionen. Das war aber auch dem geschuldet, dass ich von Hand nicht mehr nachgekommen bin. Und ich hab auch nichts anderes mehr gemacht und dann macht es auch keinen Spaß mehr. Aber die Leute hatten immer noch Bock drauf. Deshalb dachte ich mir, ich mach dann zumindest Editionen. Aber ich musste dann auch den Schritt weitergehen und sagen, die Edition kostet jetzt so viel wie das handgemachte Plakat davor, denn ich hatte das schon in so vielen Ausstellungen und die Typo ist schon eine Art Markenzeichen für mich, da muss jetzt auch eine Wertschätzung her. Für mich, und damit meine Kunden merken, ich supporte den jetzt.

Geht mich natürlich gar nichts an, aber ist das jetzt ein großer Teil deines Einkommens geworden?

Es ist eine Position. Aber ich will nicht davon abhängig sein. Ich bin ja auch angestellt im shrn und habe eine Dozentenstelle. Das deckt das Wichtigste ab und das sind so drei Pflichttage und der Rest ist dann mein Bier. Diese Sicherheit ist natürlich Luxus. Ich bin echt froh, dass ich so arbeiten kann und mir dann auch rausnehmen kann, das Projekt so umzubauen. Auch mit dem Shop. Davor hing an jedem Plakat E-Mails schreiben, Produktion, Übergabe und so weiter. Das hat einfach den Rahmen gesprengt. Die Initialzündung war dann, dass ich Vater geworden bin und mir klar wurde, ich habe jetzt eine Verantwortung, was meine Freizeit betrifft und auch finanziell. Einen Online-Shop wollte ich davor schon machen, aber über den Laden wusste ich ja schon, wie viel Zeit das frisst und alleine wär’s nie gegangen. Ich kann jetzt über den Produzenten vom Laden verkaufen. Die Administration könnte ich alleine sonst nicht schaffen. Also ich könnte schon, aber ich will das nicht, denn dann bin ich wieder in der Situation, abhängig davon zu sein und nur das zu machen. Kundenservice und so – ja, müssen wir nicht drüber reden, das ist halt ein Struggle. (lacht)

Vor allem jetzt auch noch mit Kind.

Ich will halt einfach meine Zeit mit ihm und meiner Familie verbringen, soviel wie es nur geht. Aber das Projekt sollte nicht drunter leiden und da kam das dann zur richtigen Zeit zustande, dass ich das jetzt so machen kann.

Ich muss ja zugeben, was mich momentan von deinen Instagram-Storys am meisten inspiriert sind deine Kochsachen. Du scheinst da auch eine ziemliche Leidenschaft dafür zu haben.

(lacht) Ja, geil! Das kommt von mir zu Hause. Meine Mama hat immer für uns alle gekocht und als ich ausgezogen bin, wollte ich den Anspruch nicht verlieren, in den Genuss von solchen Speisen zu kommen. Da musste ich einfach kochen lernen. Wenn man bestimmte Gerichte, die man von der Mama kennt, haben will, dann bekommt das auch kein Restaurant oder Imbiss hin. Und viele meiner Freude sind in der Gastro, das war immer eine großer Teil – wo krieg ich gutes Essen her? Über die Jahre hat Kochen dann einem immer krasseres Ausmaß angenommen. Der Lockdown war jetzt so das Epizentrum. Mir macht’s auch Spaß, ich nerde mich da viel rein, beschäftige mich auch viel mit Ernährung, der Industrie. Und das passt auch ganz gut zu #derbutter, mit den Kappen und dem Gemüse.

Ist dir das Lokale da dann auch wieder wichtig?

Beim Essen? Alles was hergeht. Ich bin da ziemlich offen.

Viele haben ja vielleicht so ein Vorurteil über die Skater-Szene und auch den Style, den man in deiner Arbeit findet. Das ist wahrscheinlich nicht etwas, das viele Leute mit Heimatliebe verbinden. Aber ich finde gerade den Kontrast bei dir sehr cool.

Heimatliebe und Skaten zeigt sich ja schon oft, wenn man zum Beispiel Brands aus New York anschaut: 5Boro New York, Supreme New York. Es ist natürlich einfach, wenn man aus einer Stadt wie New York ist, so einen Stolz zu entwickeln … Sorry, ist es cool, wenn ich da kurz rangehe?

Zu diesem Zeitpunkt klingelt Mixens Telefon. Es ist der Pfarrer, der anruft, um sich nach dem neuen Tauftermin für Mixens Sohn zu erkundigen.

Der Pfarrer. Der geht mit meinem Dad ins Stadion, große FC-Bayern-Fans, er und mein Dad, und die haben ein Fahrgemeinschaft. Ist ziemlich geil.

War das dann bei aller Heimatliebe dann die Rebellion, dass du dich für Sechzig entschieden hast statt Bayern, wie dein Vater?

Das hat sich auch so ergeben. Mein Onkel ist ein gutes Stück jünger als mein Papa und dem gefiel Sechzig. Mein Dad hat’s schon probiert, aber dem war es jetzt auch nicht so wichtig, glaube ich. Hauptsache der Bua ist glücklich. Wir waren schon im Stadion, aber als ich schon mehr gecheckt habe, worum es so geht, war ich mit meinem Onkel und meinem Dad bei einem Freundschaftsspiel, ein Derby gegen die Bayern. Da war’s dann so nach dem Motto, jetzt schau dir mal an, wen du besser findest. Ich weiß gar nicht mehr, wie das ausgegangen ist, vielleicht unentschieden? Aber so von der Fan-Stimmung her hatte ich an dem Tag schon eine Tendenz zu Blau. Und dann war ein halbes oder ein Jahr später ein Aufstiegsspiel im Fernsehen, da hat Sechzig gewonnen – Platzsturm, alles dabei. Da war’s dann vorbei, da hab ich gesagt, ich bin jetzt Löwen-Fan.

MIXEN: „Es ist halt so, gibt’s nichts zu beschönigen. Ich schau niiie ins Handy.“

Ich hab keine Ahnung von Fußball, aber ich hab ein paar Jahre direkt beim Stadion in Giesing gewohnt.

Da waren ja lange nur die Amateure. Aber als dann durch den mehr oder weniger lustigen Zufall – Zwangsabstieg in Liga 4 – das einfach da war, war das schon gut. Ich hab die Dauerkarte seit Ewigkeiten und man hat schon den Unterschied in der Stimmung gemerkt, Olympiastadion, ja, ganz nett, aber Arena war wirklich nichts. Das erste Jahr war schon geil, kranker Zuschauerschnitt, aber das wurde immer weniger natürlich. Und viele sind zu den Amateuren gegangen, um sich das Feeling zu holen. Für den Verein ist es auch wichtig im Viertel zu sein, das ist identitätsstiftend. Man checkt schon, dass das einfach der Verein aus Giesing ist.

Ich mag das Viertel auch immer noch gerne. Für mich hat das noch was von einem München, das ein Viertel wie Schwabing mir zum Beispiel nie geben konnte.

Schwabing ist auch München, das war schon immer so! Als es noch Künstlerviertel war, das haben wir ja nicht mitgekriegt, aber diese Klischees über Schwabing, die es schon ewig gibt, die bestätigen sich halt. Mein Gott, jedes Viertel hat halt seinen Drive, ist ja auch witzig. Monaco Franze sitzt immer noch da und das hat schon auch was. Für mich ist es halt vielleicht nicht so, aber die Uni, die Akademie – ist nicht nur scheiße für dich (lacht), ist schon auch cool.

Im Glockenbach kann dafür unsere Generation jetzt der Veränderung live zuschauen, habe ich das Gefühl.

Auf jeden Fall. Jetzt gerade während dem Lockdown, wo alle Clubs zu sind, merkt man, dass viele Leute jetzt zum Partymachen an den Gärtnerplatz kommen, die vorher da wahrscheinlich nicht so waren. Es verlegt sich gerade, aber jedes Viertel entwickelt sich stetig weiter und so ist das auch im Glockenbach. Wir sind jetzt seit sieben Jahren mit dem Laden da und das Weggehen hat für mich auch im Glockenbach-Viertel angefangen. Aber es ist immer noch cool. Es gibt kaum Orte, wo gleichgeschlechtliche Liebe so offen nach außen getragen wird wie dort, und das ist auch richtig so. Das muss beibehalten werden. Und das ist nur ein Beispiel, es zieht immer noch viele alternative und künstlerische Leute dahin. Für den Shop ist es nach wie vor eine super Location.

wiethausmichael.tumblr.com

Es scheint mir, dass du neben der Heimatliebe und #derbutter bei allem was du machst, eine Menge Herzblut mit drin hast. Du machst nicht viel, worauf du eigentlich keinen Bock hast.

Ja, eigentlich gar nicht. (lacht) Ich hab schon viel gemacht in meinem Berufsleben. Ich hab aber nie viel überlegt. Das war dann immer so: Ich hab die Lehre gemacht, weil ich keinen Bock hatte, weiter zur Schule zu gehen. Dann aus dreieinhalb Jahren Lehre Energieelektronik bei der S-Bahn ein bisschen gearbeitet und dann gemerkt, das ist nichts für mich. Dann Abitur nachgeholt und angefangen im Skate-Shop zu arbeiten, dann in der Gärtnerei von meinem Dad gearbeitet. So hat sich dann immer wieder dieses Scheitern und Neudefinieren durchgezogen. Und dadurch hat sich dann über einen langen Zeitraum rauskristallisiert, was ich wirklich machen will. Das Ergebnis davon ist, wie ich jetzt arbeite und ich kann mich wirklich glücklich schätzen. Ich kann fast ausschließlich das machen, worauf ich Lust habe. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Klar brauch ich mein Einkommen, wir leben ja auch immer noch in München, aber mein Geld so zu verdienen ist ein absoluter Glücksgriff. Aber das kam jetzt nicht einfach nur so, ich hab mir das schon erarbeitet. Es gab viele glückliche Zufälle und ich bin froh drum. Immer dann, wenn ich unglücklich war in meinen Berufen, war das, weil ich nicht mehr zu hundert Prozent dahinter stehen konnte. Aber ich will das alles nicht missen, denn ich hab sauviel gelernt und vor allem gelernt, was ich nicht will.

wiethausmichael.tumblr.com

Ich glaube auch, was einen Menschen einzigartig macht, ist die Mischung aus all dem, was er bis dato gemacht hat.

Das ist wie bei der Kunst. Du kannst dir was anschauen und dich fragen, was soll der Scheiß, oder man findet es geil. Aber man muss die Story dahinter kennen und den Prozess und den Menschen, um das wirklich bewerten zu können. Was ich jetzt mache sind meine ganzen Einflüsse, was mich interessiert, was ich gut finde und das was schon gemacht habe vereint.