Das hätte genauso gut nicht funktionieren können

Seit mittlerweile fünf Jahren betreiben Laura und Sascha das Risographiestudio Herr und Frau Rio und die Liste ihrer Kunden liest sich wie das Who-is-who der Münchner Kreativszene. Vor kurzem erst sind sie in ihr neues Studio im Münchner Schlachthofviertel gezogen, in dem ich sie besucht habe.

InterviewHerr und Frau RioSeptember 2020

Artwork by Zufall⁠

Sven: Euch gefällt es gut hier am Goetheplatz? Auch wenn „Alexander“, der armenische „Goldhändler“ die ganze Zeit fragt, ob er eure Geschäftsflächen kaufen kann?

Sascha: (lacht) Doch, durchaus. Eigentlich macht das ja das Viertel erst so lebenswert.

Laura: Es gefällt uns sehr sehr gut hier. Die ganze Straße hat uns total herzlich und warm empfangen. Mir war das überhaupt nicht bewusst, dass das hier so ein gelebtes Viertel ist! Als wir renoviert haben, kamen viele und haben gefragt, was wir jetzt hier machen und haben uns herzlich willkommen geheißen. Wir treten schon in recht große Fußstapfen, davor war hier ein Vintage Möbel-/Lampengeschäft, das auch sehr beliebt war in der Straße und das es jetzt leider eben nicht mehr gibt.

Warum hat der aufgehört?

Sascha: Gesundheitliche Gründe.

Laura: Genau, also was wir so rausgehört haben, waren das gesundheitliche Gründe. Aber sehr sehr herzlich und nett.

Einer meiner ersten Jobs war tatsächlich auch da vorne in der Tumblinger Straße. Da hatten Freunde von mir einen Internet-Provider aufgemacht – das war 1999 oder so, da hatte man seine eigenen Computer hinten stehen mit einer T1-Leitung und das war dann ein Internet-Provider. Das war eine alte Schlachterei davor, die wir dann selber renoviert haben. War gruselig, aber witzig. Wir haben auch mehr LAN-Partys gemacht und Spiele gezockt als gearbeitet. (lacht)

Sascha: Die gute alte Zeit. (schmunzelt)

Black and gold Zine for @boreiu

Laura und Sascha in ihren neuen Studio in der Häberlstraße.

Ich kenne das Viertel also ein bisschen, echt eine nette Gegend. Es lebt halt sehr.

Laura: Ja! Das war früher … Sascha, das ist dein Part, was das hier früher war.

Sascha: Hier wurden die ersten Dosen-Weißwürste in München hergestellt.

Hinten im Schlachthof?

Sascha: Nee hier, in dieses Räumen!

Laura: Das war früher eine Metzgerei.

Scheinbar war alles hier mal Metzgerei direkt am Schlachthof.

Sascha: Das Haus ist seit Ewigkeiten in Familienbesitz, die haben so angefangen und dann ist es immer was anderes geworden.

Wie seid ihr dann da dran gekommen?

Sascha: Durch die anderen beiden, die haben das gefunden. (Sascha und Laura teilen sich die Räume mit den Mädels von @friesundschreck.)

Laura: Ein Kumpel von uns wohnt gegenüber, der hatte das gesehen, und dann haben die Mädels sich mit einem netten Video beworben.

Das ist die einzige Art, wie man an Immobilien kommt in München – irgendwer muss was gesehen haben.

Sascha: Deswegen fährt auch „Alexander“ rum und sucht. (lacht)

Und der wird bestimmt auch noch fündig werden.

Sascha: Ganz sicher, irgendwer ist schon skrupellos genug.

Wir lange seid ihr jetzt schon hier?

Laura: Sechs Wochen.

Und war der Umzug ein großer Aufwand? Ich meine, die Druckmaschinen sind ja doch kleiner, als ich dachte.

Sascha: Ich musste einen 3,5-Tonner fahren mit Ladebordwand. Die Fahrt über habe ich ohne Scherz geschwitzt, weil ich im Westend durch eine Einbahnstraße musste, die zugeparkt war. Vor einen vollbesetzten Café und links und rechts war eine Handbreit frei. Ich fahr echt nicht gern große Sachen, das war die pure Hölle. (lacht) Das war die letzte Fahrt, da saß ich auch noch alleine drin, und ich bin raus und hab gemerkt, dass mein Gesicht komplett nassgeschwitzt war. Das war echt so ein LKW.

Laura: So ein richtiger LKW mit Ladefläche zum hoch- und runterfahren, damit man die Maschinen nicht heben muss. Mein größtes Angstpotential lag bei der Schneidemaschine, die hat knapp 300 Kilo und ich hatte schon Sorge, dass da mal ein Fuß drunter landet. Ich war echt froh, als die da oben stand.

Sascha: Wir alle! Die musste noch ein paar Stufen rauf. Naja, ist ja alles gut gegangen. (Sascha klopft auf Holz) Wir hatten damit gerechnet, dass wenigstens eine Kleinigkeit kaputt geht.

Habt ihr viele Aufträge mit umziehen müssen oder habt ihr da drüben noch alles abgearbeitet, bevor ihr wieder angefangen habt?

Sascha: Tatsächlich hat das ganz gut geklappt. Es war halt Sommeranfang und Corona. Das konnte man so timen, dass wir nichts mitnehmen mussten.

Laura: Vor allem haben wir ja bis direkt vor dem Umzug gedruckt. Dann haben wir die Sachen abgestöpselt und sind umgezogen, und zwei Tage später konnten wir wieder weiterdrucken. Das war jetzt kein Riesenausfall.

Hat sich Corona bei euch denn bemerkbar gemacht?

Sascha: Das Schöne war, dass wir dann Zeit hatten, die Renovierung hier zu machen, die vier Monate. Es gab Tage, da hat das Telefon nicht geklingelt. Das war seltsam, aber ich glaube, wir waren beide die ganze Zeit recht zuversichtlich.

Und es ist ja auch wieder geworden, oder?

Sascha: Ja, die Firmen scheinen wieder Budgets für sowas zu haben.

Zweifarbiger Druck von @⁠benna292⁠

Artwork von @renate.hoefer

Ja, Corona – arschlangweiliges Thema mittlerweile irgendwie. Aber ich frage mich immer, was da noch wirtschaftlich kommt. Bisher war es gerade für die Kreativbranche überschaubar, glaube ich, aber wer weiß, ob nicht in zwei Jahren dann auf einmal der Einbruch kommt.

Sascha: Vielleicht sind wir in München ja auch in so einer Blase, wo es noch relativ glimpflich abgelaufen ist. Ich kann mir schon vorstellen, dass es ein paar Leute schon mehr gebissen hat. So mit Krediten abzahlen und so ’nem Scheiß.

Laura: Aber ich glaube, es kommt auch darauf an, in welchem kreativen Segment du bist. Die Musiker, die jetzt gerade nicht spielen können, die trifft es schon noch mal anders.

Sascha: Ich persönlich kenne aber niemanden, der deswegen auf der Straße gelandet ist, egal in welcher Branche.

Nee, persönlich kenne ich auch niemanden. Aber das liegt vielleicht wirklich an der Blase, in der wir leben. Aber ihr habt euch ja auch so eine ganz eigene Nische gebaut hier – damit ist man wahrscheinlich immer am sichersten.

Sascha: Ja, das war wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, wie man jetzt noch eine Druckerei aufmachen kann, ohne richtig fett Kapital im Rücken zu haben.

Ihr wart zusammen auf der Schule, ja?

Laura: Auf der Uni.

Und ihr habt euch da dann gedacht, wir probieren das jetzt einfach mal? Wie kamt ihr denn tatsächlich zu dem Risodruck? Da muss man ja auch erst mal drauf kommen.

Sascha: Da muss man erst mal drauf kommen. Wir wissen nicht mehr genau, was der erste Risokontakt war, aber der Gründungsmythos (beide kichern) ist so, dass Laura in einer Festanstellung war für ein Jahr und wir haben noch zusammen in der WG gewohnt. Ich hab ein Jahr lang gefreelanct/gefaulenzt.

Als was offiziell?

Sascha: Grafikdesigner, aber ich hab schon im Studium gemerkt, ich bin kein Vollzeit-Grafikdesigner. Das kann ich und will ich nicht leisten. Deswegen war ich ein Jahr lang gemütlich unterwegs und wir beide haben gleichzeitig gemerkt, dass da so ein Drang war. Und bei einer Weinschorle gab es dann mal diese lustige Idee, man könnte sich ja so eine Risomaschine kaufen.

Laura: Weil es das bis dahin in München noch gar nicht gab als Studio.

Sascha: Drei Monate später haben wir gemerkt, was wir uns da angetan haben. (lacht)

Laura: Und jetzt sind wir reingewachsen über die letzten fünf Jahre. (lacht auch)

Sascha: Jetzt machen wir das sehr gerne. Also nie sehr ungern, aber zwischendrin haben wir schon oft gesagt, wenn wir gewusst hätten, was wir uns da antun, hätten wir es nicht gemacht.

Die Küche teilen sich die beiden mit den Mädels von @friesundschreck.

Aber ihr habt letzten Endes einen Weg gefunden, wie ihr für zwei Leute einen Lebensunterhalt schaffen könnt mit etwas, das ihr komplett autark machen könnt. Das ist ja schon toll.

Sascha: (Sascha überlegt ein bisschen) Wer ist autark, wenn er Kunden braucht?

Gut, das stimmt, aber ihr seid nicht groß angewiesen auf Zulieferer oder sowas in der Art.

Laura: Ich finde es schon erstaunlich. Dieses Jahr Festanstellung war zwar wichtig für mich, aber ich habe dann gemerkt, dass ich gerade am Ende nicht mehr gerne morgens dahin gegangen bin. Das ist jetzt schon einfach so schön, wenn ich morgens mit dem Radl hierher komme und man einfach so ein krasses Glücksgefühl hat, wenn man in die Arbeit geht und sich so freut darauf, was der Tag bringt.

An machen Tagen?

Laura: Eigentlich an allen. Natürlich hast du mal Jobs, wo es ein bisschen komplizierter wird, oder du hast 5.000 Klappkarten, wo du von Hand das perfekte Ergebnis erzielen willst. Das sind dann schon so Tage, da weißt du am Abend, was du getan hast; aber trotzdem ist das immer mit einer sehr großen Freude verbunden. Auch weil das halt alles immer zu einem Wachstum führt oder zu zufriedenen Kunden, ist das einfach schön, weil man das Feedback direkt bekommt.

Schon cool. Und du machst den Grafikteil hauptsächlich?

Laura: Wir machen auch Grafikdesign, tatsächlich viele Hochzeitssachen, weil sich rumgesprochen hat, dass wir auch Kleinauflagen mit Sonderfarben drucken. Ich mach auch noch ein bisschen selbstständig Gestaltungsprojekte, die nicht unbedingt was mit dem Risobusiness zu haben. Aber das Hauptaugenmerk liegt schon auf dem Druck und alles was drum herum passiert.

Universellen Gutscheinkarten von Herr und Frau Rio

Platten Sleeves für @slamcityjams, @rhode_and_brown, gestaltet von @noem_held

Aber da musst du schon auch was machen, oder? Oder sind die Daten, die ihr angeliefert bekommt schon so, dass ihr die Masterfolien davon gleich machen könnt, oder müsst ihr das noch irgendwie separieren und aufsplitten oder weiß der Teufel was?

Laura: Im besten Fall kommen die Daten so an, dass wir sie eigentlich gleich drucken können. Natürlich gibt es manchmal Kunden, die da noch ein bisschen Unterstützung brauchen, das machen wir natürlich auch. Aber die Daten kommen in der Regel als Schwarz-Weiß-Druck-PDFs oder als Vollton-PDFs hier an und wir separieren das dann für die Kunden.

Sascha: Der große, große Vorteil den wir haben, ist ja, dass wir diesen gestalterischen Hintergrund haben – also bei mir noch mehr Hintergrund als bei Laura (lacht) – aber so, dass wir Gestalter sehr gut verstehen können. Wir sind nicht nur der reine Druckdienstleister, der sagen würde: „Nee, geht nicht“. Wir können an dieser Stelle gut als Berater tätig sein und Lösungsansätze aufzeigen, wie man auf anderem Weg die Idee des Kunden transportiert. Das ist sehr hilfreich und praktisch. Und das ist ja auch ein schönes Spiel mit dem Kunden, wenn der kommt mit einer Idee, die nicht funktioniert, und dann setzt man sich zusammen und überlegt was, und am Ende freuen sich alle total. Und das ist auch eine Herausforderung für uns.

Ich glaube, dass ist auch, was Leute so erfolgreich macht – wenn sie so übergreifend arbeiten und noch Input geben können. Wenn man zusammenarbeitet, wird das Ergebnis ja meistens dann auch irgendwie schöner.

Sascha: Voll! Es ist spannend, wenn man da tief einsteigen kann, zum Beispiel welches Papier oder welche Farbkombinationen sich gut eignen.

Laura: Gerade wenn es größere Sachen sind, sitzen die Leute in der Regel bei uns am Tisch und wir zeigen ihnen passende Referenzen, die wir schon gedruckt haben. Dann erkennt man meistens recht schnell, in welche Richtung es gehen könnte. Es ist oft schwierig sich vorzustellen, wie bestimmte Effekte im Druck kommen, deshalb ist es hilfreich, wenn man die Möglichkeit hat, sich Überlagerungen oder Kombinationen in Echt anzusehen.

Sind das eure Referenzkisten? (Sven deutet auf die vielen Kisten, die im Regal im Büro stehen.)

Laura: Unter anderem.

Sascha: Ist schon was zusammen gekommen über die letzten Jahre.

Klar. Wie lange macht ihr das denn jetzt schon? Ich weiß, dass ich euch schon vor ein paar Jahren gesehen habe. Aber ich war immer eher so ein Eigenbrötler und hab mein eigenes Ding gemacht und deshalb nie Kontakt zu irgendwem gehabt … ironisch, dass ich jetzt diese Interviews mache.

Laura: Selbsttherapie! (lacht)

Das ist wirklich ein bisschen Selbsttherapie! (lacht auch) Aber ich hatte euch also schon vor einer Weile auf dem Schirm.

Sascha: Ich glaube, es sind jetzt fünf Jahre fast?

Laura: Es werden jetzt fünf Jahre, ja.

Sascha: Ist auch ne Zeit, krass.

Und in der Zeit habt ihr ja auch mit so ziemlich allen Grafikern, Designern, Künstlern in München, die man so kennt, zusammenarbeiten können an dem ein oder anderen Projekt.

Sascha hadert: München ist groß und die Kreativszene in München ist groß. Wir können noch ein paar andere Leute kennenlernen. (lacht)

Ich bin ja gerade immer auf der Suche nach genau solchen Leuten und lustigerweise habe ich erst vorgestern noch bei euch auf der Website gestöbert und hab dann die Edition Rio gefunden – und das ist quasi einfach die Liste meiner aktuellen Interviewpartner.

(beide lachen)

Sascha: Klar, gerade so diese Szenebekanntheiten sind schon relativ eng definiert.

Und so viele gibt es dann davon auch nicht.

Laura: Ich bin mir aber sicher, es gibt noch so viele interessante Menschen außer denen, die man so im Kopf hat.

Aber die muss man erst mal finden. Oder vielleicht warten, bis sie nach oben kommen. Das ist ja immer so ein Generationenabklatsch irgendwie.

Laura: Das stimmt. Ich find das auch immer spannend, weil wir ja abseits von jeder Konkurrenz sind. Wir sind ja eigentlich eher wie so ein Schmelztiegel, wo sich Leute treffen und kreuzen und vielleicht daraus auch was entstehen kann. Gerade diese Editionsgeschichten, da gab es dann auch eine Releaseveranstaltung und die Leute haben sich kennengelernt. Oft ist es ja auch so: Ich kenn deinen Namen, aber wir haben uns noch nicht persönlich kennengelernt. Das war total spannend an der Geschichte.

Das finde ich eben an eurer Position so spannend, dass ihr so ein Knotenpunkt seid, wo Leute zusammenkommen. Wie du schon sagst, der Mixen hat dann vielleicht schon mal vom Sebastian gehört, aber sie haben sich halt noch nie getroffen, aber beide haben schon mit euch gearbeitet und ihr habt so den Einblick in alles.

Laura: Ja, macht Spaß!

Der Hotspot der Münchner Kreativszene quasi. (Sven grinst)

Sascha: Klingt aber auch grandioser als es ist! (lacht)

Ich find trotzdem, ihr solltet euch den Spruch auf die Scheiben kleben.

Sascha: Ich weiß nicht, ob das mein persönliches Selbstverständnis ist. Freitagnachmittag möchte ich eigentlich …

Laura: Sascha ist dagegen – Freitag ab eins macht jeder seins! (lacht)

Nee sorry, freitags müsst ihr dann abends hier immer Stammtisch machen.

Sascha: Das kannst du doch jetzt hosten als die neue Peoples-Person! (Sascha grinst sadistisch)

Aber ihr habt hier die super Location …

Sascha: Du kannst meinen Schlüssel jederzeit haben!

Gut, das zinnobern wir später noch aus, wer das dann leiten muss.

Sascha: Bitte nicht! (lacht)

Ihr habt mir ja vorhin schon den ganzen Druckprozess mal gezeigt und du meintest schon, das geht mittlerweile ziemlich auf Autopilot. Kannst du schätzen, wie häufig du das schon erklärt hast? Über tausend mal?

Sascha: Über tausend? Nee, jetzt lass mal die Kirche im Dorf!

Laura: Naja, wie oft erzählst du’s die Woche? Drei, vier Mal?

Sascha: Da wir echt unsere Kundschaft mittlerweile deutlich überregionaler haben als in den ersten zwei Jahre, wo wir nur München behandelt haben und man tatsächlich jeden einladen konnte, wird’s weniger. Jetzt vielleicht fünf Mal die Woche noch. Aber am Anfang hatten wir easy zwanzig Leute die Woche.

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Der Großteil ist jetzt echt nicht mehr aus München? Also ich nehme an, das liegt nicht daran, dass es in München weniger geworden ist.

Sascha: Nee, einfach, dass es sich mehr rumspricht. Dieses Risoding bekommt mehr Aufmerksamkeit und Presse.

Laura: Das kennen jetzt einfach mehr Leute als vor zwei Jahren.

Sascha: Papierzulieferer fangen jetzt auch an, sich das auf die Fahnen zu schreiben, dass sie auch Papiere herstellen, die Riso-tauglich sind und erklären das ihren Kunden. Da hängen sich total viele dran. Als wir angefangen haben, gab es nur eine Handvoll Studios, die das angeboten haben. Mir fallen auf die Schnelle nur drei ein. Ich glaube, im süddeutschen Raum waren wir die Einzigen. Das ändert sich auch – was auch total schön ist, damit die Szene auch noch ein bisschen diverser wird und man sich auch mal kennenlernen kann. Man kann da auch noch lernen, irgendwie ist es auch total viel Rumgestöpsel, weil diese Maschinen eigentlich nicht für das gebaut sind, wofür die Grafikszene sie jetzt nutzt. Das war eigentlich nur ein billiges Kopiergerät. Jetzt auf einmal fangen Leute an, damit dicke Kunstbücher mit vielen Farben zu drucken und hochwertig verarbeiten zu lassen.

Das klingt dann aber nach einem teuren Projekt, oder?

Sascha: Und da genau fängt das Missverständnis an, denn wenn du vergleichst, was du da tust, siehst du: Klar, im Vergleich zu einem CMYK-Offset-Buch sind wir teuer, aber wenn wir ein Kunstbuch in acht Sonderfarben drucken – mach das mal in der Offsetmaschine in der kleinen Auflage – dann sind wir nicht teurer, dann kommen wir mit. Du musst halt sehr genau vergleichen, welche Dienstleistung du kriegst. Klar, wenn du einfach nur einfarbig ’ne Digitalbroschüre durchfeuerst, da kommen wir nicht mit.

Laura: Aber das ist ja dann am Ende auch nicht dasselbe Produkt, das da dann liegt.

Das sind wahrscheinlich auch nicht die Produkte, die ihr produzieren wollt, oder? Ihr habt wahrscheinlich mehr Spaß an den etwas komplexeren Sachen?

Sascha: Die komplexeren Sachen machen Spaß, aber klar wäre es auch total vermessen zu sagen: „Nee, eine schwarz-weiße Broschüre machen wir nicht.“ Das wäre ziemlich doof. Nee, wir freuen uns über jedes Projekt. Das ist ja doch irgendwie immer was anderes. Aber wie gesagt, wenn du dir anschaust, dass wir hier mit Neonfarben arbeiten, mit Metallicfarben, mit Sonderfarben, die du einfach mit ’ner Euroskala nicht hinkriegst, da bist du im Offsetdruck raus. Gerade die Möglichkeit auch irgendwelche Farbwechsel zu machen innerhalb einer Broschüre. Wir müssen halt nicht großartig Maschinen putzen. Wenn wir eine neue Farbe nutzen wollen, dann nehmen wir eine neue Farbtrommel, während der Offset- oder der Siebdrucker dasteht und erst mal die Chemiekeule rausholt, um seine Walzen oder seine Siebe zu reinigen.

Ja, die Farbtrommeln da vorne haben mich schon beeindruckt. Wie viele habt ihr davon hier rumstehen? Das ist eine pro Farbe, oder ist auch was doppelt da?

Sascha: Nee, wir haben jetzt elf Farben, die zwölfte steht noch ohne neue Farbe, die ist gerade frisch angekommen.

Laura: Wir haben uns noch nicht ganz entschieden, welche Farbe es wird. Das ist dann schon immer eine große Entscheidung.

Sascha: Die nächsten zwei sind auch gerade in Planung.

Stoßt ihr denn dann hier auch irgendwann mal an eure Grenzen? Von den Kapazitäten her, was ihr hier machen könnt? Ihr seid ja hier zu zweit, plus ab und zu mal ein Praktikant, so wie ich das verstanden habe?

Sascha: Genau.

Und ihr habt im Prinzip nur die eine Maschine?

Sascha: Zwei.

Aber irgendwann ist ja dann auch mal Schluss, wie viele Aufträge ihr machen könnt.

Laura: Abgelehnt haben wir bisher noch nichts. Das Gute ist ja, dass wir inzwischen auch mehrere Praktikanten hatten, die auch in München sitzen und die man dann auch ab und zu mal an Bord holen kann. Das haben wir jetzt ab und zu mal gemacht.

Ihr zieht euch also selber eure qualifizierten Mitarbeiter ran.

Sascha: (lacht) Aber so oft ist das jetzt nicht der Fall.

Laura: Ich glaube, das ist dann eher eine Frage von Planung und von anderen Themen, die dann hinten runterfallen. Zum Beispiel die Website wollte schon lang mal wieder ein bisschen poliert werden, aber das macht man dann halt nicht, weil andere Sachen zu tun sind. Ich glaube, das ist eine Frage der Prioritäten, und wenn du die richtig setzt, schaffst du auch alle Kundenaufträge.

Sascha: Und Effizienz ist etwas, woran wir immer wieder stark arbeiten. Das klingt voll aufgeblasen, aber sich wirklich seine Arbeitsprozesse anschauen und identifizieren: Wo verblasen wir denn unsere Zeit und was können wir einfacher lösen? Zum Beispiel irgendwelche Buchhaltungssachen automatisieren –, da kannst du so viel Zeit rausholen, die dir dann auf einmal wieder für Aufträge zur Verfügung steht.

Klar, auch Angebote schreiben – sowas sind ja massive Zeitfresser, wo man eben optimieren kann. Wenn ich überlege, an den ersten Angeboten, die ich geschrieben habe, saß ich ’nen halben Tag. Das war ja frustrierend.

Sascha: Wir haben das ganz am Anfang auch extrem händisch gemacht. Dann möchte der potentielle Kunde noch ne kleine Änderung und du denkst: Oh nee, nicht schon wieder alles von vorne! Während das jetzt halt einfach nur eine neue Zahl ist. Da konnten wir Gott sei Dank viel Zeit rausholen. Auch was das ganze Auftragshandling angeht, von vorne bis hinten werden wir immer schlanker. Bei gleicher Qualität – was halt geil ist.

Ich hab eben gesehen, wie du die Druckmarken abgeglichen hast. Das ist ja wirklich einfach Detailarbeit. Für Schludrigkeit ist da nicht viel Platz.

Sascha: Was das angeht, sind wir vielleicht beide etwas zu perfektionistisch veranlagt. Gerade in so einem Druckverfahren, das eigentlich so unperfekt ist, macht es dann aber Spaß, auf die Spitze zu treiben, wie gut man es hinkriegen kann.

Laura: Was aber auch häufig als extrem positives Feedback von den Kunden zurückkommt. Also, dass wir es schaffen, aus dieser Maschine diese Qualität am Ende rauszukriegen. Was uns natürlich mega freut und das schreiben wir uns schon auch auf die Fahne.

Sascha: Ja, wir wollen einfach den guten, guten Service bieten und auch Kunden mit sehr komplexen Projekten nicht weiterschicken. Auch wenn du wahrscheinlich mehr Geld verdienst, wenn du die einfachen Sachen in großer Menge machst.

Ich glaube, dann kommst du aber auch schnell an den Punkt, wo du nicht mehr jeden Tag gern in die Arbeit fährst, wenn du nur noch die einfachen Sachen machst.

Sascha: Es gibt schon Tage, wo ich mir denke: Fuck, warum muss ich mich schon wieder mit diesem extrem komplexen Ding beschäftigen! (beide lachen) Wo finde ich einen Buchbinder, der das und das kann? Es gibt Projekte, da würde ich gern einfach nur zweifarbige Postkarten machen, die am Abend fertig sind.

Ja, die Mischung macht’s. Und was gibt’s sonst noch so für Projekte außer Herr und Frau Rio, mit denen ihr euch gerade so beschäftigt?

Sascha: Schlafen. Schlafen und Wirtshaus würde ich sagen. (lacht)

Was ist denn dein Stammladen?

Sascha: Ach, hör doch auf, ich will hier nicht gestalkt werden! (lacht)

Meinst du, die Groupies kommen?

Sascha: Du, das passiert mir ständig!

Aber du wohnst jetzt in Haidhausen? Also nehm ich an, da in der Gegend ist auch dein Wasserloch?

Sascha: Ich bin da erst seit Januar, deshalb hab ich noch andere Wasserlöcher.

Wo hast du davor gewohnt?

Sascha: Im Westend.

In der Nähe vom alten Büro? Du bist also dem neuen Büro nachgezogen?

Sascha: Mein Arbeitsweg ist kürzer geworden, ja.

Und ein schöner Arbeitsweg ist das. Ich nehm an, du fährst einfach vorne an der Isar entlang?

Sascha: Ich fahr tatsächlich lieber durch die Stadt.

Ja? Früher, als ich noch etwas wilder und arschiger im Verkehr war, war mein größter Spaß, hier durch den Berufsverkehr durchzuheizen. Ich hab mir sogar den Lenker kürzer geschnitten, damit ich besser zwischen den Autos durchpasse.

Sascha: (beide lachen) Classic! Immer verschmälern. Viktualienmarkt ist schon ein geiler Weg morgens, da kann man sich so städtisch fühlen.

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Am Viktualienmarkt war ich mal bei einem Alley Cat – das sind so illegale Fahrradrennen, meist von Fahrradkurieren. Ich hing da mal ein bisschen in der Szene. Das war eine Riesen-Fail. Wir sind über den Viktualienmarkt gestartet, zwanzig in einer Reihe durch die Leute, war auch super spaßig. Auf der Leopoldstraße sind wir dann natürlich über jede rote Ampel gefahren, und dann kam irgendwann neben mir die Zivilstreife und hat mir den Weg abgeschnitten. Und alle anderen sind geflohen, nur ich Depp bin stehen geblieben. (lacht)

(beide prusten)

Sascha: Man ist ja doch noch ein bisschen gesetzestreu.

Ich glaube, ich wäre nicht stehen geblieben, wenn sie nicht mit Vollbremsung vor mir auf dem Gehweg stehen geblieben wären. Das hat mich dann doch genügend beeindruckt.

Sascha: Manchmal muss man auch wissen, wann man verloren hat.

Ja, genau. Aber ich hab tatsächlich vier Punkte und 120 Euro Strafe bekommen.

Laura: Oh, scheiße!

Sascha: Ich glaube, das wäre heute teurer. Da kannst du den Fahrradführerschein abgeben. (schmunzelt)

Nee, ich war froh, dass ich meinen Autoführerschein behalten konnte. Und was hast du dann so für Projekte, Laura?

Laura: Ich bin Mama.

Echt? Seit wann?

Laura: Hmm, der Miro wird jetzt dann drei. Von dem her bin ich entweder hier oder bin mit meinem Sohn zusammen. Das ist sehr erfüllend, und manchmal auch sehr anstrengend in Kombination. Aber ich möchte es nicht anders haben.

Und der ist jetzt gerade in der Krippe?

Laura: Nee, die Krippe hat gerade zu. Der ist bei meinem Freund.

Hat der Papa auch einen Fulltime-Job?

Laura: Max hat selbst eine eigene Agentur, Daily Dialogue, ist also auch selbständig.

Habt ihr euch da kennen gelernt?

Laura: Wir haben uns tatsächlich alle drei im Studium kennen gelernt, also wir waren alle im selben Semester. Also wir sind beide selbstständig – das war jetzt in der Corona-Zeit spannend ohne Kinderbetreuung, aber haben wir dann doch ganz gut hingekriegt.

Der Kleine saß dann immer bei einem von euch beiden auf dem Boden nebenbei?

Laura: Wir haben uns dann halt abgewechselt. Zum Glück haben wir auch beide Großeltern hier in München.

Das ist ja vielleicht auch ganz gut, dass du noch mal erwähnst, dass du tatsächlich einen Partner hast, der dir nicht hier gerade gegenübersitzt. Ihr habt ja schon erzählt, dass das immer wieder erklärt werden muss, dass ihr kein Paar seid, also nicht wirklich Herr und Frau Rio.

Sascha: Arbeitspaar.

Laura: Ist ja auch nicht schlimm, halt nur lustig, weil viele davon ausgehen bei dem Namen.

Ihr versteht euch ja auch offensichtlich extrem gut, sodass ihr schon im Studium zusammengewohnt habt und jetzt auch diesen Job zusammen macht. Das ist ja schon cool.

Laura: Man kennt sich. (grinst)

Sascha: Man lernt einfach den anderen so gut zu hassen, dass man es irgendwann nicht mehr spürt.

(alle lachen)

Laura: Nee, ich find das schon sehr sehr schön. Das war auch mit dem Umzug noch mal so eine gegenseitige Bestätigung, dass man das, was man macht, gern macht und wir beide auch als Partner gut funktionieren. Und dass man sich noch mal dafür entscheidet, diesen Schritt zu gehen und sich noch ein bisschen zu vergrößern. Das hätte ja auch genauso gut nicht funktionieren können. Es ist einfach gut zu merken, dass es sich hervorragend ergänzt und wir persönlich gut miteinander umgehen können.

Sascha: Ich glaube, wir schaffen es, dass sich die Arbeitsteilung extrem gut ausgeht, dass wir uns nicht nur die Scheiße gegenseitig zuschieben, sondern irgendwie da so aufgestellt sind.

Ich glaube, häufig wollen Leute zusammenarbeiten, stellen dann aber fest, dass die Arbeiten, die sie machen wollen, sich zu sehr überlappen. Und am Ende will keiner die Buchhaltung machen.

Sascha: Ja, das stimmt. Ich glaube, wir haben da auch so Persönlichkeitsstrukturen, die sich gut ergänzen.

Laura: Wobei es spannend war: Sascha war letztes Jahr drei Monate weg und ich war eben dann auch mit meinem Sohn in Mutterschutz. Wir können also schon beide beides – was uns auch wichtig ist, dass man nicht aufgeschmissen ist, wenn der andere mal weg ist. Aber natürlich hat jeder so seine Präferenzen.

Sascha: Was halt glatter läuft, wenn man es selber macht.

Und was hast du in den drei Monaten gemacht?

Sascha: Ich war mit meiner damaligen Freundin drei Monate auf Reisen in Osteuropa, einmal quer durch.

Nice, das hab ich auch noch auf der Liste. So unentdecktes Land.

Sascha: Ja, jetzt entdecken’s immer mehr. (lacht)

Stimmt, jetzt kommt der Schub. Davor hat keiner daran gedacht, da für drei Monate hinzufahren, da wollten alle immer nach Asien oder Südamerika.

Sascha: Ja, das war schön. Rumänien – großartiges Land!

Wart ihr mit dem Camper unterwegs?

Sascha: Ja, im VW-Bus.

Ah, eh die beste Art zu reisen!

Sascha: Ja, das stimmt.

Meine Freundin fährt heute mit dem VW-Bus Richtung Frankreich los und ich fliege dann am Samstag nach. Dann haben wir auch zwei Wochen im Bus. Mit Pudel.

Laura: Mit Pudel? (lacht)

Ja, das ist dann immer ein recht stinkiger VW-Bus.

Sascha: Ich hoffe, der ist ein bisschen größer dann?

Nee, das ist ein alter T3, also nicht viel Platz.

Laura: Ich fahr auch Donnerstag mit ’nem VW-Bus los. Zehn Tage VW-Bus und dann noch in einem Haus mit Freunden. Sascha darf die Stellung halten.

Sascha: Sascha hat sturmfrei, richtig geil!

Laura: Endlich Techno hören und drucken.

(beide lachen)

„Das war tatsächlich meine letzte Woche. Die andern beiden Mädels waren auch nicht da, ich hab den ganzen Tag Techno gehört!“

– Sascha

Sascha: Das war tatsächlich meine letzte Woche. Die andern beiden Mädels waren auch nicht da, ich hab den ganzen Tag Techno gehört!

Nachdem draußen eh so eine Geräuschkulisse ist, kannst du auch richtig aufdrehen.

Sascha: Die Nachbarn haben noch nicht angeklingelt.

Laura: Oder du hast es nicht gehört! (lacht)

Dann sag ich erst mal vielen Dank. Und Sascha, du schaust, dass du die Nachbarn nicht zu sehr in Mitleidenschaft ziehst in Zukunft.

Sascha: Wir sind sehr sehr rücksichtsvolle Menschen.

Außer Laura ist unterwegs und du kannst den Techno aufdrehen!

Sascha: Korrekt! Aber Nachbarn sind wichtig, die darf man nicht vergraulen.