Glück im Unglück: COVID-19 und der unverhoffte Fahrrad-Boom

Heiko Wild erzählt von der Unsicherheit zu Beginn der Pandemie und schlaflosen Nächten. Aber auch von seiner Dankbarkeit seinen loyalen Stammkunden gegenüber, Schlangen vor seinem Laden und von dem unverhofften Erfolg, der ihm und seinem Team beschert wurde durch den plötzlichen Boom im Fahrradsport.

InterviewHeiko Wild (bikedress)Juni 2020

Wie lang ging denn der Lockdown bei euch?

Puh, Mitte März war das.

Als Einzelhandel wart ihr aber einer der ersten, die dann wieder aufmachen durften, richtig?

Stimmt. Ich glaube, das ging fünf Wochen bei uns.

Heiko Wild im Schaufenster seines Ladens in der Ohlmüllerstraße 7.

Und wie groß war deine Sorge in der Zeit?

Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil man natürlich vorher nicht weiß, was das für Auswirkungen haben wird. Eine große Sorge war, dass die Leute ihren Bedarf komplett online abdecken. Der Radsport hat zwar einen Boom erlebt, wirklich viele Leute haben in der Zeit auch erst angefangen mit dem Radfahren, aber wenn die Leute ihr Trikot nicht lokal kaufen können, ist eben die Frage, wo sie sich stattdessen hinwenden. Und dann war auch die Frage, ob die Leute Angst davor haben würden, in den Laden zu kommen, wenn wir wieder geöffnet haben. Alles war sehr ungewiss.

Hat du von dem Boom denn schon während der Zeit, in der ihr noch geschlossen hattet, was gemerkt?

Das einzige, was man an Sport machen konnte war ja Laufen und Radfahren. Als ich dann mit meiner Frau auf dem Rad unterwegs war, haben wir schon sehr viele Radfahrer im Münchner Umland gesehen. Normalerweise, wenn ich im Laden arbeite, bin ich zu solchen Zeiten ja eigentlich nicht unterwegs, aber wenn man ein bisschen ein Gefühl dafür hat, hat man den Boom schon bemerkt. Zumal das Wetter auch noch sehr gut war zu der Zeit.

Wann hast du denn erfahren, dass du den Laden wieder aufmachen kannst? Hattest du viel Vorlauf?

Ich glaube, das war etwa eine Woche. Man hat die Tendenzen schon durch die Presse mitbekommen, also dass Lockerungen kommen werden. Ärgerlich für uns war aber auch, dass die Läden in allen anderen Bundesländern schon eine Woche vor Bayern aufmachen durften. Wir hatten also schon eine Ahnung. Dann hatte man aber auch gehört, dass der Einzelhandel nur 40% des gewohnten Umsatzes einfährt im Vergleich zum Vorjahr und das hat dann natürlich auch wieder eine sehr ungewissen Komponente mit reingebracht.

Schlaflose Nächte, hmm?

(Heiko atmet tief durch, nickt und lächelt.) Während des Lockdowns musste ich meine Leute in Kurzarbeit schicken, aber für mich war es nicht unbedingt weniger Arbeit. Die ganze Administration und dann auch Sachen, wo man versucht hat, etwas Umsatz zu generieren, blieb dann eben erst mal an einer Person hängen, und das war ich. Auch zum Leidwesen meiner Familie, die gerade da Zeit hatte.

Im Laden stößt man immer wieder auf liebevolle Details.

Wie bist du die Wiedereröffnung denn dann angegangen?

Wir sind dann erst mal mit unserer normalen Besetzung für die Jahreszeit gefahren.

Und wie lief das?

Schlecht! (lacht) Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir unterbesetzt waren. Man muss ehrlich sagen, die ersten Wochen haben uns die Leute die Bude eingerannt.

In der ganzen Corona-Krise gibt es ja leider zu viele traurige Geschichten, aber für euch lief es nicht übel.

Der Fahrradhandel lief jetzt sicher für alle in der Branche super. Ich denke, in der letzten Zeit haben die meisten Läden wahrscheinlich auch den davor ausgebliebenen Umsatz wieder reinholen können. Bei uns ist es so, auch wenn es mit deutlich mehr Arbeit verbunden war. Mit der riesigen Nachfrage nach Fahrrädern und Bekleidungen waren wir sicher erst mal überfordert.

Ihr baut die Bikes ja selber auf, hauptsächlich High-End. Konntet ihr die Teile denn überhaupt so schnell bekommen?

Ne, die Räder waren nicht so verfügbar, wie wir das gewollt hätten. Das ist auch immer noch so. Und die Kunden werden natürlich auch verständlicherweise etwas ungeduldig. Wir hatten aber wirklich Glück, dass das Stammpublikum, das wir uns über die Jahre aufgebaut haben, uns so die Treue gehalten hat.

Ihr habt auch versucht, Gutscheine an den Mann zu bringen, während der Laden noch zu war, oder?

Haben wir, und da war ich auch wirklich sehr positiv überrascht; und die Loyalität unserer Kunden zu spüren, hat mir die schlaflosen Nächte definitiv erträglicher gemacht. Und nachdem wir dann wieder aufgemacht hatten, kamen sie auch alle wieder und waren nicht an den Onlinehandel verloren.

Aber ihr habt auch eine Menge Sachen, die man woanders gar nicht bekommt, oder?

Klar, vor allem Fahrräder sind ein eigenes Thema. Ich habe auch während der Zeit immer telefonisch beraten und Bikes verkauft. Das ging schon noch so nebenher. Aber Bekleidung gibt es natürlich auch online. Zum Glück ist unsere Klientel aber nicht der typische Onlinekunde. Die wollen die Sachen anprobieren und vor allem auch unsere Beratung.

Wie lief das denn mit den ganzen Reglementierungen, als ihr wieder offen hattet?

Wir hatten beschlossen, immer maximal fünf Kunden auf einmal in den Laden zu lassen, auch wenn mehr reingedurft hätten. So konnten wir jeden Kunden persönlich betreuen. Dadurch gab es dann aber durchaus Tage, wo wir eine Schlange vor dem Laden hatten.

Wow, wahrscheinlich auch das erste Mal, oder?

(lacht) Ja, das war das erste Mal, hätte ich auch nie gedacht. Aber die Leute haben sehr geduldig gewartet.

Und wie sind dann momentan so die Wartezeiten für die Bikes?

Kommt immer auf das Wunschbike an, von einer Woche bis sechs Monate ist alles dabei.

Das Timing war ja auch ganz interessant, denn du hast auch gerade jetzt den Onlineshop für dein eigenes Klamotten-Label Monaco Velo Club gestartet.

Wir hätten das gern früher gemacht, die Saison beginnt ja eigentlich im März, das war also der Plan. Dann gab es aber administrativ auch durch Corona einige Verzögerungen. Die Produktion war zwar fast fertig, aber wir produzieren in Italien und die hatten dann natürlich einen kompletten Lockdown bis, ich glaube, Anfang Mai, ab wann sie dann wieder mit einer gewissen Besetzung weitermachen durften. Wie gesagt, online ist die Post abgegangen, weshalb wir auch gerne früher gestartet wären, aber wir haben bewusst entschieden, nichts übers Knie zu brechen. Das Projekt ist langfristig angelegt und deshalb haben wir uns die Zeit genommen, das ordentlich zu machen.

Ich schätze, das wäre jetzt der Zeitpunkt deine Kollektion zu bewerben.

Da kennst du mich nicht gut genug. (lacht) Ich bin stolz auf das, was wir da geschafft haben, aber beurteilen sollen das dann die Kunden. Wir haben die Sachen jetzt auch seit ein paar Wochen im Laden und das Feedback ist sehr positiv. Das macht einen dann schon ein bisschen stolz.

Jan Ullrichs gelbes Tour de France Trikot mit persönlicher Widmung ist nur ein Teil von Heikos Sammlung.

Normalisiert sich denn die Lage jetzt wieder im Laden?

Ja, sie normalisiert sich. Ich denke, das Radfahren wird weiterhin boomen – es haben so viele Leute in der Zeit angefangen und die werden nicht einfach wieder aufhören. Was wir allerdings merken ist der wahnsinnige Werkstattbedarf, den wir ehrlich gesagt nicht abdecken können. Wir können nur noch die Kunden versorgen, die auch bei uns das Rad gekauft haben, mehr Kapazität haben wir einfach nicht. Am Anfang hab ich mich dann noch breitschlagen lassen, aber mein Mechaniker Sigi killt mich, wenn ich das weiterhin mache, denn das was für unsere Kunden aufgebaut werden muss, verschiebt sich dann alles nach hinten und das können wir nicht mehr zulassen. So fair müssen wir dann auch unseren Stammkunden gegenüber sein. Wir sind halt nicht darauf ausgelegt, eine öffentliche Werkstatt zu sein, wir machen Custom-Bikes und dafür wollen wir auch Top-Service bieten. Dafür muss ich dann eben auch lernen, mal nein sagen zu können.

Heiko Wild hinter dem Tresen des an den Store angrenzenden Monaco Velo Club Cafés.

Wie fühlt es sich denn dann jetzt an, nachdem das Gröbste hinter euch zu liegen scheint?

Ich bin immer noch wahnsinnig gerührt von der Loyalität unserer Kunden während der ganzen Sache. Wir hatten Kunden, die Gutscheine im Wert eines ganzen Bikes gekauft haben, um uns über die Zeit zu helfen. Da saß ich dann zu Hause und musste erst mal schlucken. Wir haben deshalb auch bei jedem Gutschein als Dankeschön 10% draufgelegt und wir werden uns jetzt noch überlegen, was wir noch zum Beispiel an gemeinsamen Ausfahrten organisieren können. Dafür möchte ich mich auf jeden Fall noch mal bedanken. Das mit den Gutscheinen war ja auch ein Risiko für die Kunden, die konnten ja nicht wissen, ob es uns nach der Krise überhaupt noch gibt.

Und wie geht es weiter?

Wir werden unser Portfolio erweitern und noch E-Bikes ins Sortiment aufnehmen. Da müssen wir ein bisschen investieren, aber wir haben sehr interessante und exklusive Marken gefunden, die auch zu unseren Kunden passen werden und die sie sicher genauso cool finden werden wie ich. Und der Monaco Velo Club Online-Shop ist jetzt eben auch online.