Nach seiner ersten Solo-Ausstellung erzählt Gabe von seinen jamaikanischen Einflüssen und dem nächsten Projekt

Gabes Arbeiten wirken auf mich wie eine Mischung aus europäischer Grafik und afrikanischer Kunst. Seine Formen sind strikt, oft fast in den Rahmen gedrängt, gleichzeitig aber immer organisch und fließend. In seiner Wohnung in der Nähe des Chiemsees erzählt er über seine jamaikanischen Einflüsse, seinen beruflichen Werdegang, seine erste Soloausstellung und sein nächstes Projekt.

Schnell stellten wir fest, dass wir schon vielen von denselben Leuten über den Weg gelaufen waren, unter anderem auch Tätowierer und Künstler Moritz Lindur, mit dem ich im Sommer ein Interview geführt hatte und den Gabe von einem gemeinsamen Event in Köln her kannte …

InterviewGabeOktober 2020

Aus der Serie A to Z of Niceness

Gabe: Langfristig betrachtet bin ich ja super happy, wie sich das bei mir entwickelt hat, aber ich hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn sich das schon ein bisschen früher ergeben hätte. Deshalb finde ich das auch so geil, dass Moritz als Tätowierer eine Möglichkeit hat, sich so schnell ein Leben aufzubauen, das auf etwas persönlicherer, kreativer Arbeit basiert und er dabei so frei ist. Er hat da seinen Stil gefunden, mit dem er sich natürlich ausdrücken kann. Das ist schon bemerkenswert, ich glaube, in anderen Branchen geht das nicht so schnell.

Sven: Meinst du? Auch als Illustrator kannst du ja glücklicherweise gerade in den aktuell angesagten Stil fallen, dann geht das ja auch da mal ganz schnell.

Ja, aber da müssen schon viele Faktoren zusammenkommen und das ist natürlich auch eine Frage des Zeitgeists. Aber das ist eh nicht optimal, wenn du super jung und ungeplant auf so einem visuellen Trend reitest. Das gibt es in der Illustration also sicher auch, aber das Schöne am Tätowieren ist ja, dass das so ein direkter Deal zwischen zwei Menschen ist. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich dafür interessiert habe. Du sitzt nicht in Agenturen und werkelst monatelang an Projekten. Ich habe zum Beispiel mal bei Reebok in Barcelona gearbeitet – da arbeitet man dann an Kollektionen und gerade wenn die relevant werden, sitzt du schon an den nächsten. Beim Tätowieren zeichnest du was, jemand findet das so geil, dass er das für sein Leben lang unter die Haut stechen lassen will, die Person freut sich und dann ist die Transaktion vorbei.

Und du kannst dich weiter zum nächsten Projekt bewegen.

Genau, aber du hast auch noch das Gefühl, was Positives in die Welt gegeben zu haben. Ich habe sechs Jahre lang Druckdaten für Fahrräder gemacht. Da kannst du deiner Arbeit zwar auch so einen Wert zuordnen, aber letztendlich erfährst du nie, ob der Endkunde sich wirklich gefreut hat. Deshalb war ich schon auch oft als Designer am strugglen mit der Frage, Was mache ich da eigentlich? In der Produkt-Grafik veränderst du ja eigentlich nicht die Funktion des Produktes, du hübscht es nur auf, damit die Leute es nächstes Jahr wieder kaufen. Damit hatte ich immer wieder meine Probleme.

Ist bei der Malerei die Tatsache, wie viel Freude du jemand anderen damit gibst, denn auch ein Motivationspunkt für dich oder ist das was, das du einfach machst, weil du es für dich machen musst?

Damit beschäftige ich mich gerade relativ viel. Es ist mir schon wichtig, dass die Kunst beim Betrachter was bewirkt, beziehungsweise auch, dass die Gefühle und Intentionen, die ich beim Malen hatte, beim Betrachter ankommen. Aber generell versuche ich schon, mich von der Erwartungshaltung frei zu halten. Ich habe generell eh schon eine integrierte Antihaltung gegenüber Autoritäten – ich war immer nur selbstständig, das hat schon einen Grund. (lacht)

Aus der Serie Trapped

Gabe während seiner ersten Solo-Ausstellung im @utopiamunich (Foto: Daniel Nguyen)

Du warst wirklich nie angestellt? Wie hast du das geschafft?

Ich war 2009 mit dem Studium fertig, da war diese Super-Bubble gerade geplatzt und es gab eh keine regulären Jobs. Ich habe dann ein Praktikum bei der GQ gemacht – meine Diplomarbeit war auch ein Magazin und das war ein großes Thema für mich. Aber ich habe da schon auch gemerkt, dass es überhaupt nicht meine Welt ist. Ich bin irgendwie nie wirklich da gelandet, wo man mich am besten hätte reinsetzen sollen. Ich habe dann nebenbei aber auch schon die ersten Freelance-Jobs gemacht. Ich bin damals nach Berlin zur Bread & Butter Messe gefahren und habe da bei Streetwear-Labels Portfoliopäckchen verteilt.

Du hast da also gleich richtig gehustelt?

Ja voll. (lacht) Und dann habe ich für Stüssy ein Shirt gemacht – das war eigentlich der erste Job für den ich eine Rechnung gestellt habe. Die GQ wollte dann auch noch mal ein Jahr verlängern, aber als ich gehört habe, dass das wieder nur ein Praktikum sein sollte, habe ich dann gesagt, okay, hat sich erledigt. Dann war ich etwa ein Jahr beim Arbeitsamt gemeldet, aber ich habe immer wieder Illustrationsjobs gemacht, die dann mit dem Arbeitslosengeld verrechnet wurden, damit das eben reicht. Aber zumindest konnte ich schon mal arbeiten. Dann habe ich einen großen Job für den Bayerischen Rundfunk gemacht und da wusste ich dann, dass ich davon jetzt fünf oder sechs Monate leben konnte. (lacht) Ich hab auch echt nicht viel gebraucht. Ein Kontakt von der GQ hat mich dann bei der Agentur Factor Product vorgestellt, die haben mir dann die erste richtige Chance gegeben, und da hat dann das mit den Fahrrädern angefangen. Ich war da zwar als Freier, war aber eigentlich immer bei denen und habe auch von dort meine eigenen Freelance-Projekte gemacht. Da war ich dann das erste Mal sehr viel gebucht und es kam auch mal eine gewisse Sicherheit rein, und nach einem Jahr der Selbstständigkeit lief es dann.

Ging das bei Stüssy vom Stil her schon in deine jetzige Richtung?

Ja, das war zwar eine rein typografische Geschichte, aber schon sehr in meinem Stil.

Aber bei den Fahrradsachen hattest du wahrscheinlich nicht mehr so den Freiraum, oder?

Nein, das war ein ganz klassisches Kommunikationsdesign in all seinen Formen. Diese Sportrichtung lag mir zwar nah, aber ich hatte zu diesem Mountainbike-Thema nicht so den Zugang. Aber bis vor drei oder vier Jahren habe ich eigentlich schon noch sehr klassisches Kommunikationsdesign für Geld gemacht.

Und dann gab es einen Cut?

So einen richtigen Cut gab es eigentlich bis heute nicht. Bis Herbst letzten Jahres habe ich noch für Millhaus gearbeitet, die haben viele Sportkunden.

Was hast du für die so gemacht?

Da gab es dann doch schon ein paar Projekte, die näher an dem dran waren, was ich sonst so mache. Ich hatte als Freelancer davor schon mal an einem Job für die gearbeitet, bei dem ich für Ray-Ban Tattoo-Illustrationen gemacht und auch mal live auf einer Messe Leute mit „Tattoos“ bemalt hatte. Es waren also sehr illustrationslastige Projekte. Dann habe ich auch noch bei denen für FC Bayern Basketball gearbeitet, zum Beispiel an deren Streetwear-Kollektion – die ich gerade auch wieder mache, aber nicht mit der Agentur. Bei Millhaus hatten wir aber auch die komplette Kommunikation dafür gemacht. Ich hab schon so das Gefühl, dass ich dreiviertel meiner Karriere mit dem reinen Abarbeiten von solchen Sachen verbracht habe.

Ich war beeindruckt von der Sorgfalt, mit der Gabe jeden seiner Artprints selbst verpackt.

Du bist ja zum Glück noch relativ jung. (lacht)

Man muss auch immer aufpassen, wie das so klingt, das hat schon immer zwei Seiten gehabt. Das Umfeld bei so Agenturen war immer super, ich bin da mit Leuten zum Surfen gefahren und es haben sich Freundschaften ergeben. Und wenn man aus dem Studium kommt, denkt man ja, man kann jetzt Illustrator sein oder einen Katalog gestalten, oder sowas, aber in dem Tempo in so einem Konstrukt zu arbeiten, lernst du erst in solchen Jobs. Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, dass ich das alles nur deshalb parallel laufen lassen konnte. Bei einem Einstellungsgespräch für eine Agentur hatte mich der Chef mal gefragt: „Was willst du eigentlich sein? Bist du jetzt Illustrator oder Grafiker?“ Nach dem Motto: Du musst dich jetzt entscheiden. Ich hab mir damals schon gedacht, dass das a Schmarrn ist.

Aber solche Leute wollen einen oft auch einfach nur in eine Schublade stecken, damit sie wissen, wie sie mit dir umgehen sollen. Letzten Endes bist du ja für die nur eine Ressource.

Das habe ich danach auch immer wieder in so Agenturen festgestellt. Das muss man aber auch erst mal lernen, manche nehmen von dir mit, was sie können, aber es ist ihnen kein Anliegen, dass du dein volles Potential ausschöpfst. Ich dachte immer, die müssten doch checken, dass ich eigentlich dieses oder jenes bin und mich dann dahin pushen – mehr so ein Mentorenprinzip. Aber das hat in den Agenturen selten jemand als seine Aufgabe gesehen. Aber worauf ich vorhin hinauswollte: In so einem Kontext lernst du dafür dann halt, diese Programme richtig zu benutzen, mit Druck umzugehen oder auch mal Inhalte zu verarbeiten, die dich nicht so interessieren. Du darfst nur nicht verpassen, dass das eigentlich nichts mit dir oder deiner inneren Entwicklung zu tun hat, sonst ratterst du da jahrelang dieses Zeug runter. Aber das Problem hatte ich nie, weil ich immer so viel nebenbei gemacht habe und wusste, das eine bin ich und das andere mach ich, um Geld zu verdienen. Dafür bin ich schon dankbar. Was ich aber noch gar nicht erwähnt hatte: Damals hatte ich auch noch mit einem Freund zusammen ein kleines Klamotten-Label, das wir 2004 gegründet hatten, und als ich mit dem Diplom fertig war, hatten wir entschieden, das ein bisschen professioneller zu betreiben. Das lief also auch noch parallel.

Dance Risograph-Print (shop)

Peace Now Risograph-Print (shop)

Ach cool, wie hieß das Label denn?

SEEN. Das ist ein Ausdruck, der im jamaikanischen Patois verwendet wird – die verwenden das als Nachfrage am Ende eines Satzes, quasi sowas wie: verstanden? Ich habe generell einen sehr starken Bezug zu Jamaika. Wir hatten zur Schulzeit schon ein Soundsystem, so ein DJ-Team, mit dem wir jamaikanische Musik aufgelegt haben und nach dem Abi sind wir dann immer nach Jamaika geflogen. Das war damals alles, was unser Leben bestimmt hat.

Hing das auch viel mit dem Gras zusammen? Ehrlich gesagt war das in meiner Jugend ein ziemlich großer Bestandteil, als ich in die Hip-Hop und Reggae-Kultur gerutscht bin.

Das hat bei uns eigentlich nicht so eine Rolle gespielt, bei mir hatte es eigentlich hauptsächlich mit der Musik zu tun. Mal abgesehen vom Visuellen, war die Musik schon immer das Prägendste für mich. Mein Freundeskreis ist eher mit Rap aufgewachsen – wir haben auch alle in der gleichen Mannschaft Basketball gespielt – aber irgendwann sind ein paar von uns eher in die Dancehall-Richtung gegangen, weil die Partys cooler waren. Diese Hip-Hop-Konzerte waren ja eher so eine Hand-Heb-Nummer und ich hab damals dann gecheckt, dass ich eigentlich mehr Bock auf Tanzen hatte. Wir haben dann angefangen 7-Inch-Platten zu kaufen, also so jamaikanische Singles. Aber wir haben uns schon auch immer viel mit der Kultur dahinter auseinandergesetzt, und das hat dann dazu geführt, dass uns klar war, sobald wir mit der Schule fertig sind und das Geld zusammen haben, fliegen wir nach Jamaika. Und bei unserem zweiten Trip dahin haben Tobi und ich – Tobi war der, mit dem ich das Klamotten-Label gemacht hatte – ein Kunst-College entdeckt, haben da unangemeldet vorbeigeschaut und uns von einem Mädel die Schule zeigen lassen; und nach unserer Rückkehr haben wir dann entschieden, dass wir dort studieren wollten. Zu der Zeit war ich schon an der FH in Augsburg, wo ich Kommunikationsdesign studiert habe, aber wir haben das dann irgendwie mit denen organisiert.

Das war ja auch schon ganz schön weit hergeholt: Wir studieren jetzt auf Jamaika. (lacht)

Bis eine Woche vor dem Flug war auch noch unklar, ob das alles so klappt. Dann habe ich aber noch ein Stipendium von der FH bekommen – das hat ja auch etwa 3.500 Dollar Studiengebühren gekostet und in Deutschland musste man ja gar nichts zahlen.

Wie lange wart ihr dann da?

Das war 2006 ein Semester und danach waren wir noch ein paar Monate so da. Und ich bin dann ein Jahr später für meine Diplomarbeit noch mal hingegangen. Aber ich war dann schon so fünf oder sechs Jahre lang jedes Jahr in Jamaika.

Das war dann ja eine ganz schön prägende Zeit. Von dem Label bis zu den Trips.

Und den Stüssy-Job habe ich eigentlich auch nur bekommen wegen den T-Shirts, die wir für unser eigenes Label gemacht hatten.

Ich wollte eh mal generell über deine Ästhetik sprechen. Ich finde, du hast da sowas ganz Eigenes und vielleicht ist das auch der jamaikanische Einfluss – ich hatte das bisher immer eher nach Afrika gesteckt.

Das kommt eher aus Jamaika, das war sicher lange ein ganz großer Einfluss. Ich habe auch viel handgemachte Typo gemacht – das kam auch von den handgepinselten Signs, die sie dort haben. (Gabe schmunzelt.) Aber das ist schon lustig, ich weiß auch noch, der erste Basketballschuh, den ich mir gekauft habe …

Die Anzeige für den Mutombo-Schuh von Adidas aus den 90ern, der schon ein früher Indikator für Gabes spätere Richtung war.

Lass mich raten: Der Mutombo von Adidas?

Genau! Damals lief das zwar hauptsächlich über das rein Visuelle, aber ich fand das damals schon geiler als alles andere. Ich weiß auch bis heute noch, wie die Typographie in der Mutombo-Werbeanzeige war.

Lustig, das scheint einfach deine Ästhetik zu sein.

Rückblickend würde ich sagen, dass sehr viele der Erfahrungen, die meine künstlerische Entwicklung geprägt haben, grundsätzlich mit schwarzer Kultur zu tun hatten. Von der Musik über den Sport bis zum Style. Das ging schon sehr früh los, dass man als Kind in Papas Plattenschrank eher zur Bob-Marley-Platte gegriffen hat. Dabei ging es mir aber schnell um mehr als nur eine soundtechnische oder visuelle Ästhetik, sondern um eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Künstlern und den Inhalten. Zum Glück gab es in meiner Jugendzeit einige Ereignisse, die dafür gesorgt haben, dass man sich grundsätzlich mit Sachen schon näher auseinandersetzt. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen und bin super dankbar, dass mir trotzdem sehr früh eine breitere Perspektive ermöglicht wurde. An dieser Stelle muss ich auch danke sagen an Papa für das erste Lodown-Heft. Insgesamt kann ich so auf jeden Fall nachvollziehen, wie mein persönlicher Lebenslauf meinen künstlerischen Output geformt hat, und das ist schon wichtig für mich und freut mich.

Das gibt deiner Arbeit auf jeden Fall einen ganz eigenen Look. Mich hat das auch von Anfang an einfach angesprochen – es ist aufgeräumt, aber trotzdem organisch.

Das ist gut, du gibst mir gerade den Stoff für meine eigene Definition. (lacht)

Und dann eben starke Farben, nicht nur monochrom, wo ich sonst oft hin tendiere – das ist wahrscheinlich auch wieder viel von dem Jamaikanischen, zumindest so, wie ich das im Kopf habe.

Das Farbthema ist interessant – monochrom hat auch für mich eine sehr starke Anziehung. Am Anfang, als ich mich mit Farbe auseinandergesetzt habe, fiel mir das auch sehr schwer. Meine Freundin ist da total gut drin, für die großen Holzplatten in meiner Ausstellung hat sie dann auch die Farben angerührt. Ich hatte die digitalen Vorlagen, aber als ich angefangen habe, die Farben anzurühren, kam sie rein und meinte, das hat ja gar nichts damit zu tun. (lacht) Das mit den Farben ist schon so ein bisschen erkämpft, aber sicher auch durch diese ganzen Sachen beeinflusst.

Kennst du Geoff McFetridge (@mcfetridge)? Da sehe ich schon auch ein paar Ähnlichkeiten, allerdings sind das wirklich mehr Illustrationen, weniger aufgeräumt. Aber die Verwendung von Form und Farbe hat eine gewisse Ähnlichkeit.

Den habe ich schon mal gesehen. Aber ja, ich glaube, ich suche schon sehr nach so einer Aufgeräumtheit und Klarheit. Ich merke auch immer mehr, dass ich super sensibel auf Chaos reagiere und das wird mit der Zeit auch immer schlimmer. Das ist sicher ein Grund, warum sich das in der Kunst dann so äußert.

 

2020-2, 2020, Acryl auf Holz, 160 × 100cm (shop)
(Foto: Daniel Nguyen)

Ich hatte vor ein paar Wochen ein Gespräch mit Rosa Kammermeier und bei ihr fand ich es sehr interessant, dass sie wohl kaum das Gefühl eines roten Fadens in ihrer Arbeit hatte, obwohl der für mich total offensichtlich war.

Ja, das hab ich gelesen. Bei mir war es aber auch immer so, die Leute haben immer gesagt, das sieht so krass nach dir aus, aber ich habe das selber nie so gesehen. Selber sieht man immer diese ganze Nuancen – da nimmt man einen Stift, der ist 2 Millimeter dicker und man denkt, das kann man jetzt nicht machen, das ist ja dann was ganz anderes. Aber das fand ich bei der Rosa total interessant und sympathisch.

Erzähl mir doch mal was über die Ausstellung, die du vor kurzem im Utopia (@utopiamunich) hattest. Waren das alles neue Werke?

Das waren ausschließlich neue Sachen, die nach dem Lockdown passiert sind. Quasi frei von kommerziellen Projekten.

Du konntest dich also mal komplett auf die Kunst konzentrieren?

Genau, eigentlich sind alle Arbeiten aus der Ausstellung in den vier Wochen davor entstanden. Ich hatte als Kick-Off für die Lockdownzeit noch ein anderes Projekt, das absolut nötig war, damit die Sachen für Utopia entstehen konnten. Alle waren ja nach drei Tagen Lockdown total auf Panikmodus und brauchten sofort ein Projekt, sonst explodieren sie oder so. Und da ich mir eh gesagt hatte, ich mach jetzt den Cut mit den kommerziellen Projekten, ich habe mir das Projekt A to Z of Niceness, das von einer Agentur ausgerufen wurde, so als Klammer genommen, damit ich ein Thema hatte, das ich bearbeiten konnte. Die Sachen sind dann später alle in dem Hope-Postkartenset gelandet. Da haben sich dann schon Sachen abgezeichnet, die mir gut von der Hand gingen, und dann habe ich das eben weitergeführt. Im Laufe der Zeit wurde auch klar, dass die Utopia-Ausstellung passiert und dann habe ich ein paar Wochen davor extra dafür was gemacht. Jetzt habe ich aber noch was vergessen – davor war nämlich noch eine Ausstellung in Stuttgart für die Quellen-Galerie (@quellengalerie). Das war insofern wichtig, weil ich da das erste Mal wieder Original-Artworks auf Leinwand gemacht habe.

AMORE 3, 2019, Digital, Fine Art Print (shop)

Davor war alles Print?

Davor waren es entweder Murals oder digitale Artworks, die dann gedruckt wurden. Am Anfang des Jahres hatte ich schon mal ein Motiv auf eine Holzplatte für eine Kundin gemalt, das ging so ein bisschen in die Richtung. Die hatte das Motiv auf einer Ausstellung in Berlin gesehen, wo ich es auf eine Bar gemalt hatte. Und dann kam diese Ausstellung in Stuttgart, das war mit Viva con Aqua (@vivaconagua). Die haben eigentlich einmal im Jahr in Hamburg eine große Ausstellung, wo ich eine Wand vom St.-Pauli-Stadion bemalen sollte – aber dann kam Corona und das war gecancelt, deshalb haben sie eine temporäre Ausstellung in Stuttgart gemacht. Da habe ich zwei Bilder gemalt, und eins davon war auch das Grundmotiv für einen Druck, der in der Utopia-Galerie dann aufgetaucht ist. Da bin ich dann so rangegangen, dass ich Bilder wollte, die so und so groß sind – dafür habe ich zwei Originale auf Holzplatten gemalt – und dann gab es eine Abstufung nach Größe im Raum bis zu den kleinen Riso-Prints. Die Veranstalterin, Lissi, hatte mir dann noch Fotos geschickt von so alten Bühnenbildaufbauten, die in der Location mal benutzt, dann aber aussortiert wurden, und mich gefragt, ob ich damit was anfangen kann. Das war super, dann hatte ich noch eine 2 auf 5 Meter Holzwand, die dann ganz hinten im Hochformat aufgestellt wurde. Das hat sich dann alles im Aufbau ganz gut gefügt, auch mit diesen kirchlichen Fenstern im Hintergrund.

Hatten die diesen Aufbau in der Location davor schon mal genutzt? Also diese Sachen alle quasi frei im Raum hängen zu haben?

Das ist total komisch, weil das rückblickend so eine Idee ist. Ich musste denen eine Skizze für den Aufbau schicken und alles war schon wieder super eng und ich hab das dann einfach so gezeichnet. Aus irgendeinem Grund war mir diese Staffelung nach Größe von Anfang an klar und die Bilder waren in meinem Kopf nie an der Wand.

Das ist ja schon ziemlich unique.

Das war mir aber gar nicht bewusst. Rückblickend habe ich mir dann gedacht, wie krass, dass diese riesige Location mit diesen wenigen Sachen eigentlich gefüllt war. Der Aufbau hat mir in der Hinsicht total den Arsch gerettet. (lacht) Aber diese Solo-Ausstellung war für mich jetzt schon ein Meilenstein, da hatte ich das erste Mal das Gefühl, das geht jetzt in die richtige Richtung.

(Foto: Daniel Nguyen)

(Foto: Daniel Nguyen)

Du arbeitest ja ohne Galeristen. Ist das eine Konzeptsache? Auf deiner Website vermittelst du den Eindruck, dass du das gerne so direkt wie möglich handhaben möchtest.

Also ich bin generell schon immer offen, aber ich war schon mit dem vergleichbaren Modell als Illustrator konfrontiert und ich war meine ganze Karriere hindurch eigentlich immer der Meinung, dass man eh alles selber machen muss. Nach dem Studium habe ich mich ja gleich selbstständig gemacht und nach einer Weile wollten mich dann auch Agenturen ins Boot holen, aber da war der Zug schon abgefahren und ich hatte das Gefühl, das ist so schon genau richtig für mich. Du siehst das schon richtig, im Bezug auf das Kunstthema ist das eine ganz bewusste Entscheidung, das selbst zu machen und selbst zu verkaufen. Ich bin jetzt nicht anti, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, aber ich hab da schon einige Erfahrungen gemacht und ein großer Teil war nicht besonders positiv, wenn es darum geht, das Ganze auch wirtschaftlich zu gestalten. Ich hab mir schon früh gedacht: Ich bin Kommunikationsdesigner und eigentlich ist alles darauf ausgelegt, dass ich das selbst machen kann. Ich hab auch schon immer Interesse daran gehabt, Sachen selbst einen Namen zu geben und sie zu gestalten – ich fand das schon immer cool. Ich hab gerade auch noch ein neues Projekt.

Das geht mir auch so. Das einzige Problem ist, dass ich es zwei Wochen später wieder anders machen will. (lacht)

Ich hab damit zwischendrin auch ein Problem gehabt und man kommt da leicht in einen gefährlichen Modus. Das geht auch einher mit einem ziemlich starken Perfektionismus und dass man die Sachen nicht raushaut, bevor sie so und so sind, bis man dann in so eine Wartehaltung kommt. Da war ich schon immer gefährdet. Problematisch wird’s immer nur, wenn du Sachen deshalb dann nicht machst. Aber es macht schon Sinn, die Sachen auszuarbeiten. Bei der Website, wie du sie jetzt kennst, war es auch das erst Mal, dass ich gesagt habe: Okay, das ist jetzt cool so. Und im dem Zuge habe ich halt auch den Shop neu gemacht, und das war schon auch mit der Einstellung, ich kann das alles selber machen. Ich bin jetzt nicht scharf drauf, den Newsletter selbst zu machen oder mich mit Datenschutzerklärungen für den Shop auseinanderzusetzen, aber das Geld war nie dafür da, sich dafür jemand anderen zu holen, und dann ist man diesen Ein-Mann-Armee-Freelance-Lifestyle halt so gewöhnt, dass es schwierig wird, Sachen aus der Hand zu geben. Ich gewöhn mich da jetzt dran, vor allem was die nicht kreativen Sachen angeht.

Aber den Shop willst du trotzdem selber machen?

In vielen künstlerischen Bereichen funktioniert wirtschaftlich ja immer nur das Plattform-Modell, wo die Betreiber davon profitieren und der Künstler kann in den seltensten Fällen dadurch irgendwie ein relevantes Einkommen generieren. Außerdem kann ich in meinem eigenen Shop eine Bandbreite an Artprints anbieten, die, wenn du meinen Stil magst, alles abdeckt, was die Leute so haben wollen: Orte, Menschen, Musik, Sport, alle Themenfelder, die ich halt so interessant finde. Und wenn ich durch die ganzen Instagram-Werbungen von so Riesenplattformen sehe, dass es offensichtlich einen Markt für alltagstaugliche Kunst gibt, sehe ich prinzipiell nicht, warum das nicht über den Künstler selbst funktionieren sollte.

Dieses Instagram-Segment mit ständig Sale und so ist aber vielleicht ein anderes, als das, was du abdecken willst mit einem Kunstdruck für 300 Euro, oder?

Ich schreibe seit Kurzem ein Journal auf meinem Shop, wo ich erkläre, warum die Sachen sind, wie sie sind, und was ein Riso-Druck ist, was ein Fineart-Druck und sowas. Da will ich das mit den Segmenten, die ich da anbiete, auch noch mehr erklären. Ich habe jetzt gerade die Risos für das untere Preissegment, die Finearts für das mittlere Segment und danach kommen dann noch die Originale. Mir ist schon klar, dass man sich als Student vielleicht keinen Artdruck für 300 Euro leisten kann, aber einen Riso-Druck für nen Fuffi kann man vielleicht doch stemmen.

Und was ist das neue Projekt, das du vorhin mal kurz erwähnt hast?

Seit sich das Künstlerische in eine gewisse Richtung entwickelt hat, habe ich immer das Gefühl gehabt, dass diese klassischen Illustrationen, die ich lang davor schon gemacht habe, kollidieren mit dem, wo ich mit der Kunst hinwill.

Trapped 2, Graffiti, 2018, Venice Beach, California

Weil der Stil zu anders ist?

Da sind wir wieder da, wo wir vorhin über die Rosa geredet haben – man ist als Künstler sicher etwas zu extrem in der Trennung, aber zum Beispiel die Flash-Zeichnungen, die ich für die Tattoos gemacht habe, das fällt klar in eine andere Kategorie als die Kunst. Das sind cartoonigere, oldschooligere Zeichnungen, wo ich im Stil auch relativ viel hin und her springe: Da zeichne ich einmal eine strange Krokodilfigur und beim nächsten Mal ist es ein bisschen realistischer oder so. Im Illustrationsbereich hatte ich immer das Gefühl, dass es mir ein bisschen geschadet hat, dass es nicht super eindeutig ist. Ich will diese Kunstwelt immer eindeutiger zuspitzen und wenn ich diese klassischen Illustrationen da rausnehme, macht mich das freier, die Kunst straight zu verfolgen und dahin zu bringen, wo ich es haben will. Ich kann das andere aber trotzdem noch machen und muss mir in diesem zweiten Konstrukt keinen Kopf machen, ob ich die Nase immer gleich zeichne.

Und willst du dich damit dann wieder mehr den Agenturen zuwenden oder sollen das dann eher wieder Drucke oder Shirts werden?

Die Überlegung hat ursprünglich erstmal gar nicht aus einem kommerziellen Aspekt begonnen. Während dem Lockdown habe ich auch gemerkt, man braucht nicht so viel Geld, wie man denkt. Ich bin erschreckend lang klargekommen. (lacht) Deshalb habe ich mir über diesen Aspekt erstmal gar keinen so großen Kopf gemacht. Aber ich hab Ende letzten Jahres schon ein paar T-Shirt-Motive gemacht, die alle eine etwas politische oder gesellschaftsrelevante Richtung eingeschlagen haben, und habe da mehr oder weniger eine Kollektion fertig gemacht. Da habe ich dann aber gesehen, das ist eben genau das: Unterschiedliche Figuren und Typo dazu – und ich hab mich gefragt, was mach ich hier eigentlich? Und das hat mir dann den Rahmen gegeben für dieses Nebenprojekt. Der Untertitel von dem Projekt ist: Making sense of the world – one drawing at a time. Das wird dann verschiedene Formen annehmen: Klamotten und auch wieder Kunstdrucke, aber eher Riso-Drucke. Das richtet sich schon eher an jüngere Leute, das wird alles ein bisschen rougher. Im Wesentlichen geht’s dabei darum, das Innere nach außen zu holen – ohne jetzt voll esoterisch zu werden.

Läuft der zweite Account schon? Kann ich das schon mit reinnehmen oder ist das noch zu früh?

Der Launch von der Brand steht schon seit Wochen auf der Todo-Liste. (lacht) Das Social kannst du also auf jeden Fall reinnehmen.

Und wie heißt das Ganze?

Reasons & Riots Drawing Club (@reasonandriots) – warte, ich zeig dir mal schnell die Labels. Die sind schon fertig …