Conny Mirbach im Interview
Oktober 2020

Fotograf Conny Mirbach bringt Spontanität und Leichtigkeit in eine Branche, die nicht unbedingt dafür bekannt ist

Conny Mirbach schafft es, seinem Motiv eine Ästhetik zu verleihen, die Ruhe ausstrahlt und den Betrachter dazu einlädt, sich Zeit zu nehmen für Momente, die sonst im Alltag untergehen. Inspiriert von den Legenden der Schwarz-Weiß-Fotografie brachte er in seiner Karriere als gesponserter Skater mit seinen Fotos schon früh klassische Elemente in eine Szene, die sonst allen Konventionen trotzen wollte.

Conny MirbachOktober 2020

Sven: Wir sind jetzt ja nicht im Container, deinem Büro, weil wir den schon mit dem Mixen missbraucht haben.

Conny Mirbach: Genau, aber das wusstest du schon, dass ich mir den eigentlich mit ihm teile, oder?

So bin ich ursprünglich auf dich gekommen, ich hab deinen Namen da an der Tür gelesen und dich dann gestalkt. Dabei hab ich dann gemerkt, dass ich dich eh schon von Instagram kannte, aber ich hatte die Verbindung noch nicht drauf. Seitdem hatte ich dich dann die ganze Zeit auf der Liste, aber die Liste wird immer länger. (lacht)

Ja, cool! Und je spontaner, desto besser.

Du kamst gerade erst zurück von einem kleinen Trip nach Hamburg, oder?

Genau, ich komme ja eigentlich aus Hamburg und hab jetzt gleich verbunden, meine Eltern zu besuchen und mit ein paar Freunden skaten zu gehen. Wir filmen dabei auch immer und da wird irgendwann auch mal ein kleines Video rauskommen. Bis jetzt sind es immer so kurze Clips. Und Hamburg hat eben lauter Spots.

Ihr wollte ein ganzes Skatevideo produzieren?

Das wird am Ende ein 10-Minuten-Clip oder sowas, das wird sich dann zeigen. Aber wir sind auf jeden Fall die ganze Zeit dabei, Tricks zu filmen und auch ein bisschen über den Tellerrand rauszuschauen und alles was beim Skaten so passiert mitzunehmen.

Anders Warming, 2019

Inside Leica, Monocle, 2019

Es wundert mich ja fast, dass es da noch nichts von dir gibt in der Richtung.

Doch, da gibt’s viel. Ganz früher die Videos des Mantis Skateshop in Hamburg, später die Videos meiner Skatecrew Marvs von Adrian Kuchenreuther (@adriankuchenreuther) und Tommy Rentschler, dann kleine Münchner Projekte, wie On Time von Markus Mengucci (@mmgucci) und diverse Clips von verschiedenen Reisen.

Viele Leute kommen ja gerade vom Skaten auf diese kreative Schiene, weil irgendjemand halt filmen oder die Fotos machen muss.

So ist das bei ganz vielen und bei mir war das auf jeden Fall auch so. Ich skate schon ziemlich lange und bin auch schon eine Weile gesponsert, war mit auf Trips und so weiter, und da war immer mal ein Fotograf dabei. Aber irgendwann kam dann der Punkt, wo das Fotografieren ziemlich interessant für mich wurde und ich mich fast mehr dafür interessiert habe, wie man so ein Foto macht, als der Typ zu sein, der auf dem Foto drauf ist. (lacht) Und dann hab ich angefangen ein bisschen unsere Trips zu dokumentieren – gar nicht so auf die Tricks fokussiert. Ich war beeinflusst von den Magnum-Fotografen …

Henri Cartier-Bresson und so, ganz klassisch?

Genau, Robert Capa, diese ganze Riege. Und ich hab dann auch analog, schwarz-weiß meine ersten Versuche gemacht und die Trips dokumentiert, und das kam dann gleich ganz gut an.

Wie alt warst du damals?

So Anfang zwanzig, gar nicht mehr so jung.

Und hattest du davor was Vernünftiges gelernt? (Sven grinst)

Ich hab’s probiert und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass das nichts wird. Ich war auf einer höheren Handelsschule, hab danach ein einjähriges Praktikum bei einem Kalenderverlag gemacht, weil ich irgendwie schon wusste, dass die Medienwelt was sein könnte, das mich interessiert. Dann hab ich anderthalb Semester lang einen Ausflug über die Architektur gemacht und dann Fotografie.

New York, 2019

New York, 2019

Hast du Fotografie studiert?

Fotodesign habe ich fast fertig studiert. (lacht)

Und wie lange hat das gedauert?

Sechs Semester.

Würdest du sagen, das war tatsächlich nützlich, oder hättest du im Nachhinein die Zeit lieber anders investiert?

Hmm … also für das fotografische Können hat es wahrscheinlich nicht so viel gebracht, aber es war sehr gut, auf einmal Leute zu haben, mit denen man sich darüber austauschen konnte. Und das waren weniger die Dozenten als die Mitstudenten, denn da hat man dann auch mal ehrliches Feedback bekommen und hat auch mal gesagt, hey, das ist scheiße. Also für dieses Konstrukt bin ich sehr dankbar, das Studium selbst hat mir jetzt nicht so viel mitgegeben, glaube ich – da hätte ich vielleicht lieber Grafikdesign oder sowas studiert, wo man wirklich Skills lernen kann, denn was das ganze Fotografische angeht, da hatte ich mich selbst so viel mit beschäftigt, dass ich auch ohne das Studium schon ähnlich weit gekommen wäre.

Das ist bei diesen ganzen Kreativstudiengängen ja immer so die Frage. Es gibt sicher Leute, die da wirklich stark von profitieren, aber wenn man eh schon einen etwas autodidaktischen Hang mitbringt … In dem Studium wird man ja meist auch nur den klassischen Sachen ausgesetzt und über die stolperst du eh auch so, wenn du dich selbst viel mit dem Thema auseinandersetzt.

Das stimmt. Über so ein paar fotogeschichtliche Sachen wäre ich bestimmt auch nicht selbst gestolpert, aber das meiste schon. Ich glaube trotzdem, dass es schon gut ist, danach sagen zu können, ich hab mal studiert. Alleine der Faktor macht dann aus einem Fotografen auf einmal einen studierten Fotografen – der hat das wirklich gelernt! (beide lachen)

Aber meinst du, das interessiert wirklich jemanden? Es fragt dich ja niemand danach, oder?

Hin und wieder kommt es mal vor, aber mittlerweile bin ich an dem Punkt, wo mein Portfolio auf jeden Fall wichtiger ist. Deshalb kann ich ja jetzt auch drüber lachen und sagen, ich hab’s halt nicht fertig gemacht und bin lieber abgehauen und hab gearbeitet.

Chris Pfanner, 2015

Nymphenburger Porzellan Manufaktur, Generali, 2018

Du, ich hab gar nichts gelernt. Ich war bis zur Zehnten auf dem Gymnasium, bin absichtlich in dem Jahr in Latein und Chemie durchgefallen, weil ich den Mehrwert nicht so wirklich gesehen habe und hab dann extern die mittlere Reife in den Sommerferien gemacht. Das ist alles, was ich an Ausbildung habe. (lacht)

Ja, ist ja auch oft der Fall. Viele von meinen Freunden, die jetzt auch echt krasse Jobs haben, waren auf der Hauptschule oder so und haben danach irgendwie weitergewurschtelt. Oft ist das ja auch nicht das Alter, wo man schon entscheiden möchte, was man machen will.

Man könnte ja annehmen, dass du extrem von dieser klassischen Skate-Ästhetik beeinflusst wärst, aber ich finde, das sieht man nicht wirklich in deinen kommerziellen Shootings. Die haben eher einen sehr cleanen Look, eher schon Richtung Fashion.

Ich glaube, ich hab das Ganze eher umgedreht. Am Anfang, so vor zwölf Jahren, als ich die ersten Skateboard-Foto-Sachen gemacht habe, hab ich eher den Blick von außen in das Skateboarding reingebracht. Ich war sicher nicht der erste, aber ich glaube, zumindest habe ich dazu beigetragen, dass der Trick etwas in den Hintergrund gerät und die Ästhetik des Bildes ein bisschen mehr Gewichtung bekommt. Wenn man jetzt ein Skateboardmagazin aufmacht, dann sieht alles so aus: Der Skater ist ganz klein und hat viel Raum drum herum. Ich hab das relativ früh gemacht – vielleicht auch, weil ich einfach nicht die Mittel hatte, ich hatte kein Fisheye und wusste auch nicht, wie man den Trick so darstellt, deshalb musste ich mich anderweitig dem Ganzen nähern und hab das dann so gemacht. Deswegen war der Switch eher andersrum.

China Tours, 2018

Das find ich cool, gerade bei sowas Jungem wie dem Skaten. Ich hab lustigerweise gerade erst vor Kurzem noch eine Doku gesehen über diese Videokameras, die das alles quasi revolutioniert haben. Weißt du, welche ich meine.

Die VX1000?

Genau! Und die hat ja den Look quasi mit kreiert. Und wie bei allem anderen auch wird es dann ja irgendwann auch langweilig und einfach Zeit, dass auch ein anderer Einfluss mit reinkommt. Ich will ja jetzt nicht zu technisch hier werden …

Bitte, bitte!

Was sind denn so deine bevorzugten Brennweiten zur Zeit?

Das ist eigentlich meistens so zwischen 35 und 50mm, wie bei dir auch, wie ich das jetzt gesehen habe. Das sind so die Linsen, die ich die ganze Zeit wechsle, ein bisschen mehr 50er fast. Hin und wieder schraub ich mal ein 85er dran, aber das passiert nicht so oft.

Das ist vielleicht auch der Einfluss der Inspirationen, die du vorhin aufgezählt hast – die waren ja fast durch die Bank auf dem 50er.

Genau, aber mittlerweile bin ich jetzt davon ein bisschen weg und interessiere mich mehr für die moderne amerikanische Fotografie. Da gibt es super viele sehr gute Leute.

Fallen dir da spontan ein paar ein?

Es gibt da zum Beispiel Mark Mahaney (@mahaney_mark). Der macht ganz viel für die New York Times und ähnlich hochwertige Medien. Diese Leute sind von ihrem Jobprofil her gar nicht so weit weg von mir, aber einfach viel besser, würde ich sagen.

(Sven lacht)

Jake Stangel (@jakestangel) hat die ganze Bildsprache von dem Fahrradlabel Rapha mit kreiert – auch ganz warme, schöne Farben, viel mit Mittelformat, er hat auch ganz lange noch Mittelformat-analog fotografiert. Dann gibt’s Ike Edeani (@edeani), auch ein New York Times-Fotograf. Es gibt wahnsinnig viele gute Leute, die echt spannendes Zeug machen. Oder wenn man mehr in die Kunstrichtung denkt, ist Alex Soth (@littlebrownmushroom) auch jemand, der wahnsinnig schöne Sachen macht.

Sicher hat ja auch jede Zeit so ihren Stil. Manchmal hab ich die Sorge, dass es derzeit dieser kommerzielle Look ist: Diese gefakten Dokumentationen: Alltagssituationen unter Studiobedingungen. Das finde ich ziemlich langweilig und same-same-y. Ich find’s immer schön wenn man dann Leute findet wie Joe Greer (@ioegreer), wo das Level auch wahnsinnig hoch ist, aber er bewegt das Ganze dann wieder in die reale Welt.

Ah ja, den kenn ich auch.

Um das Technik-Thema mal abhaken zu können: Was sind denn so deine präferierten Kameras?

Gerade wird das immer kleiner. Ich hab lange mit Canon 5D fotografiert. Davon hatte ich jede Version mal, gerade ist es die IV und ich guck schon, wo die Reise als nächstes hingeht. Parallel dazu hab ich mir für das ganze Skate-Zeug und kleinere Sachen eine Fuji X-Pro3 gekauft. Ich merke langsam, dass ich immer lieber mit der arbeite. Die wirkt bei weitem nicht so professionell, aber das was am Ende in bearbeiteter Form rauskommt, sieht genauso aus, wie alles andere. Was ich an der mag ist, dass sie so angenehm klein ist und man sich weiterhin unterhalten kann. Ich mache ja viel so Porträt-Geschichten und das sind meistens Leute, die sonst nicht professionell fotografiert werden, die haben irgendwelche anderen Jobs und dabei fotografiere ich sie. Und mit so einer kleinen Kamera nimmt man mehr die Angst, als wenn man ihnen so ein riesiges Gerät ins Gesicht drückt.

So eine 5D ist ja echt monströs.

Und dann hab ich den Batteriegriff dran und das 50mm/F1.2 – das ist dann schon ein Monster. Dieser Diskrepanz kann man entgegenwirken, wenn man so eine kleinere Kamera nimmt, sich viel unterhält und das technische dadurch ein bisschen in den Hintergrund rückt.

Das ist ja der Teil, wo sich unsere Arbeit überschneidet, ich fotografiere für diese Interviews auch oft Leute, die sonst nicht ständig fotografiert werden. Und man will ja auch einen entspannten Vibe rüberbringen, man sieht auf den Fotos ja, wie die Person sich gerade fühlt. Mir geht’s da exakt genauso, was das Material angeht.

Gerade ist eine ganz spannende Zeit, weil die Anfragen, die ich bekomme, sich immer mehr in Richtung Werbung entwickeln, ich aber trotzdem angefragt werde, um diesen reportagigen Stil zu machen. Das sind dann aber schon große Jobs mit riesigem Team und lauter Equipment und so weiter – dann muss ich immer drauf bestehen, dass ich trotzdem nur mit der Kamera frei rumlaufe und nicht per Kabel direkt in den Computer schieße. Ich will halt frei bleiben und nicht, dass mir jemand die ganze Zeit über die Schulter schaut. Nur dann kann dieser Stil auch so entstehen.

Saskia Diez, Jaguar, 2016

Coco, Steffi Bauer Illustration, 2020

Solche Produktionen machen da ja auch immer einen totalen Fetisch draus – der Fotograf steht da und füttert alles in den Computer, dahinter stehen dann zwei Artdirektoren …

Genau, in der Kundenecke, und jeder schaut drauf. Da versuche ich gerade so ein bisschen zu brechen. Das ist nicht immer so einfach und geht auch nicht immer, aber wenn es funktioniert, kommt eigentlich immer was besseres dabei raus, als wenn ich so limitiert werde.

Wie viel von dem Team findest du in der Regel denn überflüssig?

Alle außer dem Model und mir. (lacht) Ein Assistent ist vielleicht nicht schlecht.

(Sven lacht) Ja, ein Assistent schadet nicht! Aber dann reicht’s auch. Wie du schon sagst, gerade Leute, die nicht so Shootings gewohnt sind, sind ja sonst super eingeschüchtert.

Letztens hatte ich einen Fall, wo ich eine Werbung für ein großes Jobportal fotografiert hab und bei einer Schreinerin hab ich gemerkt, dass die total unsicher war. Ich hab dann hinter mich geschaut, wo gerade sechs Kunden und Agenturleute am Set standen. Dann musste ich mal kurz alle rausschicken, das geht halt nicht anders, denn die wollen ja, dass da ein gutes Bild bei rumkommt und das funktioniert nur, wenn die Bedingungen dafür auch gegeben sind.

Schießt du sowas dann auch schon mit der Fuji?

Nee, da leih ich dann sogar oft Kameras, weil oft eine gewisse Auflösung gefordert wird.

Was nimmt man da zur Zeit so am liebsten? Eine 5DR oder sowas?

Die hab ich manchmal, wobei die nicht besonders scharf ist. (lacht) Als nächstes werde ich mir wahrscheinlich mal die GFX100 ausleihen – die hat 100 Megapixel und liegt gut in der Hand.

100 Megapixel … das ist ja auch Irrsinn.

Braucht kein Mensch, aber sie meinen, sie bräuchten’s.

Was hast du dafür dann für ein Setup, damit du solche Files überhaupt bearbeiten kannst?

Es dauert halt alles ein bisschen länger. Da könnte man schon noch upgraden.

Du bist bei einer Agentur, oder?

Genau, ich bin bei Nerger in Hamburg (@nergermao). Claudia Nerger macht das, die ist schon relativ lang dabei, war früher Art-Buyerin und kennt das Business also von allen Seiten. Ich bin da jetzt seit etwa einen Jahr dabei – noch gar nicht so lange.

Und wie siehst du den Unterschied zu davor?

Es ist schon so, dass der Großteil der Jobs immer noch über meine Kontakte kommt, aber es ist sehr angenehm, dass ich das ganze Office-Zeug, Angebote schreiben und Geld hinterherrennen und sowas alles, nicht mehr machen muss. Gerade bei größeren Jobs, wo mehrmals hin und her gehandelt wird und man lauter Sachen kalkulieren muss – und eigentlich bin ich gerade am Fotografieren und hab ganz was anderes zu tun. Da bin ich schon sehr froh, dass sich jemand um die Sachen kümmert, die ich auch gar nicht so gerne mag. Und ich find es auch gar nicht schlecht, zu trennen, dass ich die Fotos mache und von der Agentur der Preis dazu kommt. Dann muss ich das nicht persönlich rechtfertigen.

Der Kunde entwickelt dann nicht von vornherein die Antipathie dir gegenüber.

Genau, auch schon am Set, wenn das jemand zu teuer findet, dann brauchen die das nicht mir sagen, denn ich hab damit gar nicht so viel zu tun, denn das ist halt einfach der Preis, den so eine Agentur aufruft.

Chris Pfanner, 2015

Du hast ja vorhin schon mal erzählt, dass gerade viel in diese Editorial-Richtung geht, aber wie sehen denn die meisten Aufträge aus zur Zeit?

Das hat sich in diesem Corona-Jahr ganz schön geändert. 2019 waren die Jobs entweder hier in München oder so weit, dass ich dafür fliegen musste. Ich hab auch viel Reisesachen gemacht – das ist dieses Jahr natürlich anders.

Meinst du Reiseberichte oder dass du reisen musstest für die Jobs?

Sowohl als auch. Ich hab zum Beispiel eine Coverstory fürs Lufthansa-Magazin gemacht, die in Estland stattfand. Dann noch eine Reisegeschichte in Armenien fürs Monocle-Magazin – also auch so Orte, wo man sonst nicht so häufig hinkommt.

Kann man das dann auch noch verbinden mit ein paar Tagen für sich an solchen Orten?

Könnte man, in dem Fall hatte ich aber direkt im Anschluss wieder einen anderen Job. Dann war ich noch in Montreal und New York für ein Skateboardmagazin. Ich komm normalerweise also schon relativ viel rum, dieses Jahr aber eben nicht. (lacht) Es hat sich alles ein bisschen verändert. Mein Jobprofil ist irgendwo angesiedelt zwischen Porträtfotografie – ich bebildere Interviews, so wie du jetzt gerade – und vielen Werksreportagen, wo mich dann auch irgendwelche Firmen anhauen für Broschüren. Den gleichen Fall gibt es dann auch von einem unabhängigen Medium, die in so eine Produktion reingehen. Sowas mach ich ganz viel und das macht mir auch total Spaß, weil ich gerne in Werkstätten rumhänge und mir anschaue, was da läuft. Und da passiert ja die ganze Zeit schon von alleine was. Ich hab zum Beispiel eine super schöne Geschichte gemacht für die Architectural Digest über eine Glasmanufaktur im bayrischen Wald, die auch total komplizierte, fancy Sachen für zum Beispiel ClassiCon machen. Das ist schon cool, wenn man sich da einfach mal einen ganzen Tag aufhalten kann und solche Einblicke bekommt.

Und wie du schon sagst, so ist es eh am besten, man muss auch keine Anweisungen geben, man kann einfach die Fliege an der Wand sein und Fotos machen.

Genau, die machen eh ihren Job. Manchmal leuchte ich noch etwas aus oder frage, ob sie das noch mal langsamer machen können, aber im Großen und Ganzen ist das alles schon da und das finde ich sehr schön, wenn ich mir dann meine Motive suchen kann, statt sie zu kreieren.

Palermo, 2018

Palermo, 2018

Da kommt es aber auch immer mehr vor, dass man die Fotografen kaum noch unterscheiden kann. Jeder schießt denselben Blick über die Schulter – es gibt ja auch nur beschränkte Möglichkeiten. Da wäre es vielleicht auch mal an der Zeit, dass jemand auftaucht und was Neues reinbringt.

An den Punkt komme ich natürlich auch regelmäßig, dass ich mir denke: Was zur Hölle soll ich denn hier noch machen? Ich hab jetzt schon fünfmal sowas ähnliches fotografiert. Man kann ja auch das Rad nicht neu erfinden, am Ende hat jeder ne Kamera mit ’ner Linse in der Hand und da passiert irgendwas. Klar, man kann noch mal ein verrücktes Licht einbauen oder durch eine Folie schießen, aber am Ende …

Es geht ja auch gar nicht darum, dass die Fotos schlecht wären, es wird halt nur irgendwann langweilig für den Fotografen. Man hat das schon gemacht und weiß, das man das kann, und man würde gern was Neues ausprobieren.

Das stimmt und das kann man schon auch mit ein bisschen technischen Spielereien auf die Spitze treiben, aber ich finde, je schöner der Ort, desto schöner wird auch das Foto am Ende. Da kann und möchte ich manchmal auch nicht so wahnsinnig viel beeinflussen.

Man ist ja auch ein bisschen eingeschränkt. Der Schreiner will dann vielleicht nicht unbedingt die Skate-Fisheye-Optik haben, weil du mal was Neues ausprobieren willst.

(Conny lacht) Nee, da stimmt. Vielleicht muss das aber auch gar nicht sein. Jeder hat seine eigene Herangehensweise und je nach Personenkonstellation und Stimmung kommen auch immer unterschiedliche Bilder heraus. Das ist ja eigentlich das Spannende.

Ich hab mich neulich mit Johannes Sperling, einem Galeristen, über Instagram unterhalten und was das alles verändert hat. Da hatte ich auch schon mal erwähnt, das ich immer wieder einen gewissen Verdruss spüre, weil ich das Gefühl bekomme, ich mache auch nur dasselbe wie alle anderen und es wurde einfach schon alles gemacht. Aber vielleicht geht es einfach mehr darum, den interessanten Moment zu finden, als die interessante Technik.

Klar, du kriegst ja auch wahnsinnig viel Content – du kannst dich ja totscrollen und es kommt immer wieder was Neues. Das ist ja auch krass, dieses Nimmersatte ist ja total heftig. Ein schwieriger Faktor bei Instagram ist auch, dass dadurch, dass man alles so klein sieht, sich eine ganz eigene Bildsprache entwickelt hat, die für Instagram zwar viele Likes bringt, aber gar nicht geht, wenn man sich das größer anschaut. Leute, die wahnsinnig toll fotografieren und mehrschichtige Bilder haben mit mehrere Elementen, die fallen da total durchs Raster, weil am Ende die plakative Ananas auf dem Boden besser ausschaut.

(Sven lacht)

Einfach bedingt durch die Größe des Displays, auf dem man sich das anschaut, hat sich da eine Bildsprache gefestigt, die da viel besser funktioniert als in der echten Welt. Wobei man das ja nicht mehr sagen kann, das ist ja die echte Welt.

Das stimmt aber schon. Selbst wenn ich Websites gestalte, habe ich immer noch nicht richtig verinnerlicht, dass ich die jetzt primär fürs Handy mache und nur wenige Leute das auf einem Computer sehen werden. Und wie du sagst, Instagram ist jetzt das primäre Medium. Ich beschneide jetzt schon alle meine Fotos auf 4:3, weil das am besten angezeigt wird. Irgendwie … schade. (lacht)

Ja, total. Wenn du was anderes machen willst, fällt das da durchs Raster.

Es gibt auch schon ganze Agenturen, wie Tinker Street (@tinkerstreet), die sich wirklich auf Mobile-Kampagnen spezialisiert haben. Es gab ja auch eine Menge Leute, die dann nur mit dem iPhone fotografiert haben, was ich schon auch interessant fand, mit so einem iPhone kann man ja auch tolle Fotos machen. Aber das ist halt wahrscheinlich die größte Veränderung in der Fotografie, dass es jetzt tatsächlich ein neues Medium zum Konsumieren der Bilder gibt.

Genau, du siehst etwas nicht mehr auf Papier oder in einer gewissen Größe, sondern alles ist komprimiert auf diese Größe und dadurch muss sich die Bildsprache gezwungenermaßen ändern.

Ich muss zugeben, oft kämpfe ich da schon mit, denn manchmal hat man wirklich ein richtig gutes Foto, aber es funktioniert einfach nicht in dem Medium.

Ich kenne auch Fotografen, die dann rumjammern: Das gibt voll wenig Likes! Aber da musst du dich von freimachen, das ist totaler Quatsch. Es geht ja auch darum, wer dir überhaupt folgt. Das muss einem egal sein, sonst macht man sich wahnsinnig.

Die Diktatur der Zahlen. Ich seh das gerade selber. Ich will das ja auch einfach organisch wachsen lassen, aber manchmal erwischt man sich dann doch, wie man darüber nachdenkt, ob das jetzt genug Follower sind oder sowas.

Ich mach auch keine wilden Hashtags oder Algorithmen, um da weiter nach vorne gepusht zu werden oder irgendwas. Weil das alles Quatsch ist! Wenn man ne gute Arbeit macht, dann ist das ne gute Arbeit und das bleibt sie auch, wenn man das nicht mitspielt. Ich versuche, mich ganz von diesen Zahlen freizumachen und ich glaube, das gelingt mir auch ganz gut, weil ich auch jemand bin, der sich selbst relativ gut reflektieren kann. Ich trink auch keinen Alkohol, noch nie, und ich bin relativ frei von so äußeren Einflüssen. Wenn dann jemand sagt, komm, jetzt trinken wir einen, das ist mir einfach herzlich wurscht. Ich geh da gerne mit hin und geh dann auch gerne tanzen, aber ich trink halt nicht mit.

Anders Warming, 2019

Du gehst wahrscheinlich etwas früher nach Hause, als die anderen.

Das mag sein, mittlerweile auf jeden Fall, früher auch nicht unbedingt. Aber ich glaube, ein bisschen habe ich mir das auch bei diesem Social-Media-Ding beibehalten. Ich häng da schon viel drauf ab und nutz das als völlig übertriebene Inspirationsquelle, aber ich kann trotzdem für mich noch unterscheiden, ob ich eine gute Arbeit gemacht habe oder nicht, völlig unabhängig davon, ob das jetzt Likes gibt oder nicht.

Weißt du deine Followerzahl gerade?

Ungefähr 6000.

Follower können ja auch unterschiedlich viel Wert sein, mehr oder weniger interessiert an dem, was du eigentlich machst. Aber es scheint mir manchmal, als hätte jeder Hinz und Kunz 30000 oder so.

Ja genau, deswegen muss einem das auch egal sein, sonst verkappt man sich. Wenn man anfängt, damit Menschen oder Qualität zu bewerten, dann hat man verloren. Man muss sich da freimachen von.

(Sven lacht) Dann machen wir uns doch auch mal frei davon. Man hat ja immer so eine Richtung, die einen gerade am meisten inspiriert, unabhängig von dem, was in Jobs von einem gewünscht ist. Was interessiert dich denn gerade persönlich am meisten?

Ich glaube, ich erkunde einfach immer gerne Orte gemeinsam mit anderen. Wenn ich einen Protagonisten habe und mit dem gemeinsam einen Ort fotografisch erkunden kann, das finde ich cool. Die Fotografie kann dann auch fast im Hintergrund stehen, das passiert dann so mit. Dadurch, dass ich das Monocle-Magazin als Kunden habe, hab ich da auch wahnsinnig Glück und kann das oft machen. Letzte Woche habe ich zum Beispiel eine Bayern- und Frankenreportage für die geschossen, das war total nett. Wir waren in Würzburg, Bamberg und Regensburg, alles Orte, an denen ich noch nie so richtig war. Dann sind wir noch ins Frankenjura gefahren und haben dort Kletterer getroffen. Sowas macht einfach total Spaß, das fühlt sich an wie Freizeit und man macht dabei Fotos. Ganz Freizeit ist es natürlich nicht, am Ende macht man dann sechs Orte in drei Tagen, das ist dann nicht ganz so chillig, aber am Ende kommt eine richtig schöne Geschichte bei raus und ich freu mich auch, das mal erlebt zu haben – und auch mal meine direkte Nachbarschaft ein bisschen besser kennenzulernen.

Ich finde das auch spannend, dass sich jetzt mal die Gelegenheit bietet, auch die Sachen in der Nähe zu erkunden, wenn man schon nicht weit weg kann. Ich glaube, viele Leute merken jetzt auch, dass die Situation gerade auch eine Entschleunigung in der Hinsicht mitbringt.

Man muss halt einfach das Beste draus machen und in dem Fall war das jetzt echt mal was Cooles. Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, wie das da ist, und fand das total nett. Ich dachte mir dann auch: So eine Wohnung in Bamberg wär ja auch nicht so schlecht. (lacht)

Teneriffa, 2020

Teneriffa, 2020

Was hat dich denn eigentlich damals von Hamburg nach München verschlagen?

Das war ein Praktikum, das ich direkt nach der Schule ein halbes Jahr lang gemacht habe. Ich hab hier entfernte Verwandte, denen ein Kalenderverlag gehört, und die meinten, ich könnte bei ihnen wohnen und dort arbeiten, und dann wurde ich hier runter geschickt. (lacht) Dadurch, dass ich immer diesen Anschluss an die Skateszene hatte, hatte ich den hier auch relativ schnell wieder. Ich bin dann recht schnell mit einem Freund zusammengezogen und hab dann das Praktikum auf ein Jahr verlängert, weil ich es ganz cool fand, das erste Mal Geld zu verdienen. Und dann hatte ich mit 19 ohne große Pläne die erste Wohnung hier.

Du bist also eher so reingeschlittert?

Genau, es war nicht der große Plan, für immer in München zu bleiben, aber irgendwie fand ich’s dann ganz gut hier. Das ist ja ein schöner Ort und man kann sich hier auch wohlfühlen. Und wenn man ein bisschen Arbeit hat, kann man sich das auch leisten. (lacht)

Wobei Hamburg in der Hinsicht ja auch nicht wirklich besser ist. (lacht)

Das stimmt. Ja, ich bin dann einfach so hier hängengeblieben.

Gerade von Hamburgern und Berlinern wird München ja oft als langweilig oder zu snobby verschrien.

Das ist aber Quatsch. Natürlich ist das nicht die spannendste Stadt der Welt und hier passiert nicht so wahnsinnig viel, aber es ist halt definitiv ein sehr angenehmer Ort zum Wohnen. Und am Ende ist die Stadtstruktur von Hamburg und München auch gar nicht so unterschiedlich. Was die Hamburger Snobs von den Münchnern unterscheidet, ist wohl, dass die Segelschuhe dort auch wirklich zum Segeln genutzt werden, aber sonst ist’s schon ein ähnlicher Schlag Mensch, würde ich behaupten. Und es gibt überall eine kreative Szene, die ist vielleicht hier nicht ganz so riesig wie in Hamburg oder so, aber es gibt sie durchaus. Und es gibt Orte wie das Container-Collective oder die Cucurucu-Bar – das hat man ja alles hier, halt nicht zehn davon, sondern eins, aber das ist ja auch okay.

Inside Leica, Monocle, 2019

Lena Hamm, 2020

Das senkt vielleicht auch den Stresspegel ein bisschen. Nichts gegen Berlin, das ist auch eine tolle Stadt, aber Berlin macht mich manchmal etwas fertig, einfach zu viel.

Ich bin da immer wieder gerne, aber hinziehen wollte ich nicht unbedingt. Auch wenn man mal als Fotograf an die Auftragslage denkt – da gibt es halt wahnsinnig viele Fotografen, aber kaum jemanden, der dafür Geld ausgibt.

Das macht die Situation etwas schwierig … (lacht)

Das ist echt schwer. Es gibt da auch wahnsinnig gute Fotografen, aber die arbeiten halt kaum, weil niemand vernünftig dafür bezahlt.

Hast du in Hamburg noch viel Kontakt zur kreativen Szene?

Nee, aber das hatte ich auch nie richtig. Ein bisschen Überschneidung gibt es in meinem Umfeld, weil viele von den Skateboardern ja auch die kreative Szene ausmachen, aber ich bin ja direkt nach der Schule da abgehauen. Auch was gute Restaurants angeht, bin ich da immer ein bisschen lost, weil ich einfach in dieser Welt damals noch nicht gelebt habe. Da bin ich halt zum Subway gegangen und hab mir ein Sandwich geholt. Ein bisschen ’ne andere Welt, aber dadurch, dass ich jetzt auch mehr in die Werbeschiene komme, erschließe ich mir das jetzt von München aus.

Wenn du da noch Leute auf dem Radar hast, können wir ja mal reden. Ich plane dann Ende des Jahres auch mal andere Städte zu machen mit den Interviews.

Ach, echt?

Ich würde das gern ein bisschen ausweiten. München hat zwar noch so viele interessante, kreative Leute, aber ich find’s auch spannend, mal einen anderen Kreis kennenzulernen.

Den Fokus zu erweitern – ja, ist cool. Da kenn ich sicher noch Leute … (lacht)

Cool. Na komm, dann lass uns doch jetzt echt noch rausgehen und ein paar Fotos zusammen schießen …