Christian Hundertmark im Interview
November 2020

Grafikdesigner Christian Hundertmark über multidisziplinäres Arbeiten, Street-Art und alte Freundschaften

Christian hat schon früh sein eigenes Ding gemacht und ist sich dabei treu geblieben. Bereits mit Anfang 20 hat er sich selbständig gemacht und seitdem von Snowboards über Magazine und Bücher, bis zu Messeständen und Wandbildern so ziemlich alles Erdenkliche gestaltet. Sein Style ist in your face und gleichzeitig geprägt von einer minimalistischen Denkweise. Mit der Buchserie The Art of Revolution dokumentierte er als einer der ersten das Thema Street-Art und in dem Kunstprojekt Layer Cake, das er gemeinsam mit Patrick Hartl betreibt, formt er diese Szene selber mit. Dabei lautet sein Motto stick to the plan – wie es auch auf seinen Unterarm tätowiert ist.

Christian Hundertmark (C100)November 2020

Christian Hundertmark: Im Studium wird einem oft eingebläut, man solle sich auf eine Disziplin spezialisieren statt in mehreren. Nach 20 Jahren Selbstständigkeit und Aufträgen, die von Ski- und Snowboard-Designs über Magazine und Bücher, zu visuellen Erscheinungsbildern, bis zu Messeständen und Wandbildern gehen, würde ich in meinem Fall behaupten, dass es – sofern man seinen eigenen Designstil gefunden hat – möglich ist, sich in fast jedes Aufgabenfeld einzuarbeiten und darin auch hin- und herzuswitchen. Grundvoraussetzung ist aber, dass man es schafft, seinem eigenen Stil treu zu bleiben, sonst wird man die eierlegende Wollmilchsau. Insofern macht im Fall von C100 Studio die Bezeichnung multidisziplinär arbeitendes Studio tatsächlich Sinn. (lacht)

Plakate für das Hofspielhaus

Die Leute vergessen bei dem Spezialisieren aber auch immer, dass sich die Agenturen, die dir dazu raten, selbst auf ein Leistungsspektrum spezialisiert sind. Du bist aber auch spezialisiert, nur eben nicht darauf, sondern auf einen bestimmten Stil – deinen Stil.

Richtig, in meinem Fall hat sich über die Jahre ein eigener Gestaltungsstil entwickeln können, der zwischen minimalistisch reduziert und wild und voll beladen sein Gleichgewicht sucht und findet. Meistens zumindest. (lacht)

Wobei ich den Eindruck habe, auch deine wilden Sachen werden immer reduzierter, oder?

Das Reduzierte und die Ruhe hängen vielleicht mit dem Alter zusammen (Christian ist jetzt 45), ich muss mir ja nichts mehr beweisen (lacht). Der Spagat zwischen einer lauten, direkten In-Your-Face-Message und einer minimalistischen Reduce-to-the-max-Dieter-Rams-Denke gefällt mir aber nach wie vor und ist meine Quelle der Inspiration. Gegensätze sind wichtig. Kein Laut ohne Leise. Insofern ist es für mein inneres gestalterisches Gleichgewicht wichtig, ab und zu mal ein verspieltes Artwork oder eine Collage zu basteln und parallel Designs zu entwickeln, in denen die Notwendigkeit jeder einzelnen Linie komplett überdacht wird und der Fokus nur auf der Typografie liegt. Ich finde, das eine befeuert das andere. Daher auch die Ausrichtung meiner Arbeit, sowohl Grafikdesign zu machen als auch Kunst. Für mich schließt das eine das andere nicht aus. Es geht um die Qualität des Endprodukts, egal ob Leinwand oder Logo.

Art Direction für das Buch Dear, des Fotografen André Josselin

Buch-Cover für Ein Neger darf neben mir nicht sitzen von David Mayonga (@rogerrekless)

Wie rechnest du deine Arbeit denn eigentlich ab? Gerade mit so einem Spagat ist das ja wahrscheinlich nicht ganz einfach. Viele rechnen ja auch nicht mehr über Tagessätze ab, weil es ihnen mehr um den Wert der Arbeit für den Kunden geht, als um die Stunden, die man daran gesessen ist.

Ich vermeide es in Stunden abzurechnen, sondern rechne lieber in Gesamtprojekten ab, aber manchmal ist es für eine saubere Kalkulation dann doch notwendig. Prinzipiell ist es halt so, dass ein guter Entwurf manchmal sehr schnell entstehen kann, und das basiert auf jahrelanger Erfahrung und Training. You don‘t have to pay me for the hours, you have to pay me for the years, wie man so schön sagt. Die Erfahrung spielt da natürlich definitiv eine große Rolle. Den Aufwand zeitlich richtig einzuschätzen ist eine Fähigkeit, die man erstmal lernen muss mit der Zeit. Die tollste Kalkulation kann natürlich auch mal nach hinten losgehen. Wenn man merkt, dass man dann doch braucht, werden diese Aufwände natürlich auch angesprochen und mit abgerechnet, aber das Modell Gesamt-Package finde ich in meinem Fall eigentlich am fairsten.

Snowboard-Design für Atomic

Ich kenn deine Arbeit jetzt seit etwa 15 Jahren und da waren schon immer sehr viel unterschiedliche Sachen dabei. Du hast das eben ja selbst schonmal angesprochen – du machst klassische Grafik, gestaltest Snowboards, Fahrräder, und alles andere, was man sich so vorstellen kann, du machst aber auch selber Bücher. War das von Anfang an schon so bunt durchgemischt?

Ich fand es schon immer spannend, mit Techniken, Stilen und Materialien zu experimentieren und wollte mich nie auf nur eine Gestaltungsrichtung festlegen. Es gibt für mich aber trotzdem Handwerke, von denen ich die Finger lasse, und mir lieber die Profis ins Team hole. Zum Beispiel einen vollständigen Font designen oder Motion-Graphics. Ich finde das zwar beides interessant, aber um da wirklich gut drin zu werden, fehlt mir die Zeit und Muße. Da muss man sich drauf konzentrieren können, um das wirklich zu können.

Das ist ja auch wirklich schon ein eigene Handwerke.

Absolut, mit Fotografie ist das ja genauso. Ich kann vielleicht mit dem iPhone ein schönes Foto knipsen, aber für ein professionelles Shooting bedarf es auf jeden Fall eines Profis. Man sollte auch seine Grenzen kennen, sonst wird man schlussendlich doch der Hans Dampf in allen Gassen.

Die eierlegende Wollmilchsau eben.

Ich glaube deswegen auch die Aussage, dass man sich festlegen sollte – weil es genug Leute gibt, die behaupten: „Ja klar, das kann ich auch noch machen.“ Aber den Abfluss reparieren kann ich dann halt doch nicht. (lacht) Es ist schon wichtig, dass man sich dahingehend auch bewusst ist, was man kann, und auch, was man nicht kann. Aber im Bereich Gestaltung finde ich es gerade von den verschiedenen Techniken und Möglichkeiten her spannend zu experimentieren.

Christian in seinem Büro und Atelier

Zeitlich ist das aber bestimmt auch nicht einfach, oder? Ich merk das selber immer, ich plane vormittags Kundenprojekte zu machen und nachmittags mein eigenes Zeug, aber so ein Vormittag ist dann immer doch wieder verdammt schnell rum. Vor allem, wenn man dann wieder mal ’ne Stunde am Telefon hängt.

Meine Todo-Liste ist auch riesig. (Christian greift nach einen Blatt Papier, das vor seinem Monitor liegt und liest ab.) Logodesign, Buchdesign, Corporate-Design für ein T-Shirt-Label, ein Ausstellungskatalog, eine ganze Ausstellung, zwei Plattencover, eine Wandgestaltung. Klar, das ist eine lange Liste, aber durch die Menge der Projekte bleibt es für mich auch nach wie vor spannend. Ich erledige das ja nicht alles gleichzeitig. Sollte ich bei einem Projekt gestalterisch nicht weiterkommen, switche ich auf ein anderes. Dann kommt oft auch für das andere Projekt die gesuchte Inspiration. Oft hilft einem genau diese Ablenkung ja weiter, so wie einem die besten Ideen oft unter der Dusche kommen. (lacht)

Cover für novum

Spread für Mucbook

Es klingt aber so, als wärst du die nächsten paar Monate erst mal beschäftigt.

Ja, die nächsten Monate habe ich auf jeden Fall zu tun. (lacht) Um jetzt aber keine Missverständnisse entstehen zu lassen, das sind nicht nur Projekte, die finanziell Big Money bedeuten, da sind auch Liebhaberprojekte dabei. Die Mischung macht‘s. Und zusätzlich hab ich noch zwei große Ausstellungen mit Patrick Hartl als Layer Cake. Es ist also alles sehr spannend gerade.

Erzähl mal von Layer Cake. Davon hatte ich noch gar nichts mitbekommen.

In den 90ern war ich ja aktiver Graffiti-Writer, Patrick ebenso. Wir waren damals sozusagen Graffiti-Buddies und haben zusammen das ein oder andere Graffiti-Abenteuer erlebt. Durch die gemeinsame Zeit waren wir ziemlich eng befreundet, was dann mit der Zeit aber ein bisschen auseinander ging. Dazu kam, dass Patrick in einer anderen Stadt studierte. Wir haben uns zwar bei jedem Wiedersehen gefreut, aber uns beide nach der Graffiti-Zeit erstmal in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Vor fünf Jahren zog ich dann ins Westend, wo Patrick zu der Zeit schon lebte, deshalb haben wir uns dann wieder öfters gesehen. Sein künstlerischer Schwerpunkt war zum dem Zeitpunkt Calligraffiti, meiner war Grafikdesign und meine Bilder auch eher grafisch angehaucht. Auf seiner Solo-Ausstellung hab ich ihm dann vorgeschlagen, mal eine gemeinsame Malsession zu starten. Wir haben dann einfach angefangen, gemeinsam Bilder zu malen. Das Ausgangsmaterial waren unfertige Leinwände von ihm und mir, auf denen wir direkt losgelegt haben.

Ihr hattet also einfach nur Bock, gemeinsam zu malen?

Wir arbeiten ja wie gesagt auf mehreren Leinwänden gleichzeitig und da gab es keinen konkreten Plan. Aber durch unsere Herangehensweise, Teile der Arbeit des anderen zu übermalen und Flächen freistehen zu lassen, hatten wir auf einmal und unerwartet ein solides Kunstkonzept. Und durch die Vielschichtigkeit der Bilder dann auch den passenden Namen: Layer Cake. Es braucht auch keine Absprachen und Diskussionen, alles entsteht frei und zwanglos.

Das erinnert mich sehr stark an Photoshop-Tennis – das war um 2000 rum mal ein Ding. Da lief das eigentlich sehr ähnlich, nur eben in einem Photoshop-File.

Genau! Nur eben analog und keine Zurück zur letzten Version-Funktion, sondern ohne die Möglichkeit irgendwas wieder rückgängig zu machen. Im Graffiti ist das Übermalen des Werks eines anderen Künstlers ja die absolute Kampfansage, wir haben mit Layer Cake also die Grundregel des Graffiti auf den Kopf gestellt und zu unserem Konzept gemacht.

Mural im Foyer der Süddeutschen Zeitung, das Christian gemeinsam mit Patrick Hartl im Rahmen des Kunstprojekts Layer Cake gemalt hat

Habt ihr da ein fixes Limit oder geht das so lange, bis es fertig ist?

Wann ein Bild fertig ist, beziehungsweise unser artistic dialogue beendet ist, ist Gefühlssache. Das Ganze hat sich dann ziemlich rasant entwickelt; die ersten Ausstellungsanfragen kamen ziemlich schnell, und nach mittlerweile 5 Jahren waren wir schon auf einigen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Das Schönste an Layer Cake ist aber das Wiederaufleben unserer Freundschaft. Wir sind jetzt wieder so eng wie in den 90ern. Ich hatte ja erwähnt, dass wir dieses Jahr noch zwei Ausstellungen haben. Eine davon ist VERSUS da haben wir das Konzept erweitert und 15 andere Künstler aus den unterschiedlichsten Metropolen, wie LA, Paris, Tokyo, New York, Helsinki, Amsterdam und so weiter, eingeladen.

Was habt ihr denn so für Formate?

Die Bilder sind meist irgendwo bei 160 × 140 cm.

Oh shit, da tut der Versand ja auch ganz schön weh! (lacht)

Oh ja, in der Summe wird das schnell teuer, wenn man sich da die Pakete hin- und herschickt. (lacht) In Europa ging‘s noch, da bist du so bei 50 Euro, aber vor allem zu Corona-Zeiten ist es in die USA schon problematisch, also schickst du es dann doch mit FedEx und zahlst gerne auch mal 300, 400 Euro. Und immer mit dem Risiko, dass die Bilder doch auch verloren gehen könnten. Aber es ist trotz der Anstrengungen ein tolles Projekt mit tollen Künstlern. Wir haben unter anderem auch mit Chaz Bojórquez (@chaz_bojorquez) zusammengearbeitet, der absolute Godfather of Graffiti, ein siebzigjähriger Künstler aus LA. Das ist auch eine echte Ehre für uns.

Wie seid ihr denn zu dem gekommen?

Patrick kommt ja eher aus dem Calligraffiti, quasi die Weiterentwicklung von Graffiti-Tags, er hatte auch im Studium den Schwerpunkt Kalligraphie, und wir haben dann irgendwann zusammen ein Buch rausgebracht zu dem Thema The Art of Writing Your Name (Amazon). Und Chaz Bojórquez hat uns damals das Intro für das Buch geschrieben. Seitdem sind wir down mit ihm, wir sind seine Locos, so nennt er uns. (lacht)

Aber um das mit Layer Cake noch anzuschließen: Man kann also sagen, primär seid ihr ein Künstlerduo?

Genau. Wie betreiben einen artistic dialogue. Für mich ist das noch mal ein guter Aufhänger gewesen, um das Thema Kunst und das Experimentieren noch mehr zu pushen.

The Art of Rebellion IV – das bislang letzte Buch aus der Reihe, die Christian 2003 zum Thema Street Art gestartet hat

Du bist ja auch schon sehr früh recht fulminant eingestiegen mit deinem ersten Buch.

Das war The Art of Rebellion (Amazon). Nach meiner aktiven Graffiti-Zeit und dem Ankommen im Grafikdesign, tauchte ich 2000 ziemlich in das damals neue Thema Street Art ein – ich mag diesen Begriff leider überhaupt nicht –, und ich war mit ein paar anderen einer der aktiven Pioniere in Deutschland. Durch ein paar glückliche Umstände brachte ich dann 2003 das weltweit erste Buch über Street Art heraus, was ein internationaler Bestseller mit über 80.000 Exemplaren wurde und in Museumsshops und Buchläden von Sidney bis LA verkauft wurde, da wir durch Gingko Press einen super Vertrieb hatten. Das war schon cool, vor allem weil ich auf einen Schlag Kontakte in die ganze Welt hatte – und das von München aus, dem bayrischen Millionendorf. (lacht)

Das war halt schon auch eine geile Zeit dafür. Wenn du heute solchen Leuten sagst, wir machen ein Buch, sagen die auch nur, ach komm, noch ein Buch?

(Christian lacht) Damals war’s so, dass ich nachmittags eine Mail an den Betreiber des relevantesten Blogs für Street Art geschrieben habe und am Abend hatte ich 150 E-Mails aus der ganzen Welt – aus Japan, Südamerika, und so weiter, wirklich überall her. Dann hab ich also das Material bekommen und das Buch gemacht und die Erstauflage von 5.000 Stück war nach einem Monat ausverkauft. Das Buch wurde dann mehrfach nachgedruckt. Es gab ja dann auch II, III und IV.

Was kam das letzte denn raus?

Das kam vor vier Jahren.

Wäre es nicht fast mal wieder an der Zeit? (grinst)

Das vierte Buch war für mich fast schon eine Art Abschluss mit dem Thema. Aber ich bin sicher, das war trotzdem nicht das letzte Buch, das ich mache. We will see.

Die Szene verändert sich immer weiter und du veränderst dich auch. Du bist ja auch jemand, der genau zum richtigen Zeitpunkt selbst aktiv mit der Szene aufgewachsen ist.

Ja, ich bin ein Kind der 80er, hab live miterlebt, wie Skateboarden, BMX und Graffiti aus den USA hier angekommen sind, und ich hab – wie du ja auch – noch miterlebt, das man die Dinge nicht einfach aus dem Internet bekommen konnte. Erinnerst Du dich, wie das war, wenn jemand nach Amerika geflogen ist und man war so: hey, kannst du mir die und die Schuhe mitbringen?

(beide lachen)

Und über diese Zeit würde ich gerne ein Buch machen, das wäre wohl mein Vermächtnis an mich selbst. Das ist ja auch der Ursprung, worauf mein Schaffen basiert. Alles fing an mit meiner ersten Graffiti-Skizze, meinem ersten BMX, meinem ersten Skateboard. Auch mit 45 Jahren bin ich diesen Dingen treu, und das wird wohl immer so bleiben. Stick to the plan – so ist es auf meinem Unterarm tätowiert.