Das Leben hat nicht nur eine Fahrtrichtung

Annika hat sich mit ihrer Keramik in München einen Namen gemacht. Ob es die gesamte Ausstattung für das neue Kulinariat ist, Geschirr für das Hilton oder Kooperationen mit anderen Künstlern, man sieht ihre Arbeit in der ganzen Stadt. Während unseres Gesprächs führte sie mich durch ihre Keramik-Werkstatt mit der daran anschließenden Wohnung im Münchner Westend – in bester Meister-Eder-Manier.

InterviewAnnika Schüler PorcelainAugust 2020

Mit Annika war es nicht ganz einfach, ein Interview zu starten. Sie ist einer dieser Menschen, die selbst so gerne zuhören, dass man sich bemühen muss, das Thema auf sie zu lenken. Und so starten wir eigentlich mit ein paar Fragen von ihr an mich.

Annika: Du machst das mit deiner Arbeit aber auch schon länger, oder?

Sven: Ja ja, ich hab mich schon 2005 selbstständig gemacht.

Oh wow, da hast du dich aber jung selbstständig gemacht. So alt kannst du ja auch noch nicht sein.

Ich bin jetzt 38, damals war ich also auch schon, lass mich rechnen, 23.

Aber ist ja schon auch ein mutiger Weg, so festzustellen, ich muss einfach mein eigenes Ding machen. Das ist jetzt nicht so gängig mit 23. Ich kenne viele, die das so mit Ende 20, Anfang 30 machen – ich war ja auch 30. Und das fanden die Leute dann schon immer mutig. Ich fand das echt okay als Alter, um sich selbstständig zu machen. Da hat man verschiedene Dinge ausprobiert und jetzt startet man und probiert das aus. Ich mein, auf was soll ich warten? Aber 23, da ziehen die Leute ja normalerweise gerade mal bei den Eltern aus.

Schon, aber ich sehe das eigentlich eher umgekehrt. Je früher du das machst, umso weniger hast du zu verlieren. Wenn du das mit 40 machst, hast du vielleicht schon den sicheren Job und den aufzugeben, ist ein viel größerer Schritt.

Ja, und das Risiko, dass man erstmal zurückschrauben muss.

Annika Schüler in ihrer Werkstatt im Münchner Westend.

Wenn man nichts hat, hat man auch nichts zu verlieren. (lacht)

Stimmt. Und wenn man früh beginnt, ist ja auch jedes Jahr, das man dazugewinnt und in dem man lernt, schon auch eine Bereicherung und stärkt dich auch. Aus Fehlern lernt man wahnsinnig viel und ich finde, das trägt auch dazu bei, dass man selbstbewusster auftreten kann und auch immer mehr hinter dem steht, was man ist. Man entdeckt sich ja auch jedes Jahr mehr oder entwickelt sich weiter – von allem so ein bisschen. Das ist eigentlich schon schön.

Wie war denn dein Weg? War der sehr straight-forward? Wenn du sagt, man entdeckt sich so, klingt das ein bisschen, als hättest du auch ein bisschen eine Findungsphase gebraucht.

Ich find einfach so generell, wenn ich mir anschaue, was ich vor acht Jahren gemacht habe, wie viel ich mich weiterentwickelt habe. Wenn ich das jetzt noch mal mit dem Wissen von heute aber vor acht Jahren machen könnte, dann würde ich es ganz anders machen oder noch mal so probieren oder manche Sachen auch gar nicht mehr eingehen. Ich bin damals auch auf manche Märkte gegangen, wo ich mir mittlerweile denke, von wegen, da passt du gar nicht hin! Aber man hat am Anfang das Gefühl, man muss alles ausprobieren, um dann festzustellen, was passt und was nicht. Aber ich glaube, jetzt kann ich auch relativ genau sagen, was so ein Rahmen ist, in den ich reinpasse. Das ist ja auch bei Läden so. Vielleicht hört sich das wahnsinnig arrogant an, aber je nachdem, wer bei mir anfragt, ob sie Produkte von mir weiterverkaufen können, schaue ich mir definitiv erstmal an, in welchem Rahmen das wäre, was das für Personen sind und wie die überhaupt die Sachen vertreten. Wenn ich jetzt sehen würde, die verkaufen auch irgendwelche China-Sachen, dann käme das für mich auch nicht in Frage, denn das vermittle ich ja auch nicht mit meinen Produkten. Mittlerweile sortiere ich schon aus.

Kooperation mit LOVE kidswear.

 

Musst du ja auch. Du kannst ja nur eine bestimmte Zahl an Sachen produzieren. Klar, dass du da selektieren möchtest und das dann in den Läden haben möchtest, mit denen du dich auch identifizieren kannst.

Genau, wo auch einfach der Hintergrund gut ist, wo die Gedanken schön sind und wo ich mich gut vertreten fühle als Person und für die Produkte. Das finde ich schon wichtig. Und ganz am Anfang habe ich ehrlich gesagt alles mitgenommen, weil ich wusste, man muss nehmen, was kommt. Und es ist schön zu wissen, dass man so ein bisschen gucken kann, wo passt man hin und wo nicht. Das meine ich auch mit meinem Weg, so wahnsinnig rechts und links war der gar nicht. Seit der Selbstständigkeit ist natürlich viel passiert und man hat wahnsinnig viele Leute kennengelernt und viel ausprobiert, auch Projekte gemacht, die gescheitert sind, oder wo man gemerkt hat, das Endprodukt trägt sich dann doch nicht, obwohl man wahnsinnig viel Zeit und Geld reingesteckt hat. Das gehört aber dazu. Und manche Dinge habe wunderbar funktioniert. Es ist beides wichtig, finde ich, um zu reifen.

Und ich finde, auch wenn man Zeit und Geld in Dinge investiert, aus denen dann nichts rauskommt, ist das nicht verschwendet. Man hat in der Zeit, hoffentlich, keinen Hunger gelitten und es war eine Erfahrung. Ich glaube die Dinge, die ich aufgegeben habe, sind genauso wichtig wie die, die ich immer noch mache. Die Sachen kommen ja auch immer wieder zusammen und in zehn Jahren machst du dann wieder was, mit dem du eigentlich schon längst abgeschlossen hattest.

Gehst du denn heute noch auf so Märkte?

Es gibt zwei so richtig typische internationale Töpfermärkte, in Diessen am Ammersee und in Oldenburg, die sind relativ gut ausgesucht. Ich finde, es könnte sich etwas mehr mischen – eine kleine Kritik. Aber das finde ich seit Jahren schon. Man schlendert da drüber und denkt sich, kenn ich halt. Ist schön, jedes Jahr aufs Neue, aber ich finde, sie könnten ein bisschen rigoroser den Nachwuchs reinlassen. Es ist schon sehr streng und sehr eng. Ist schon echt schwierig, da reinzukommen. Ich bin eh immer ein bisschen kritisch, was so Jurys und so angeht, wenn man in so Vereine eintreten und Abgaben machen muss, und von Leuten beurteilt wird. Da denk ich mir immer, ist das eigentlich fair? Ich finde das tatsächlich immer etwas schwierig, denn dann da aus so drei Stücken herauszuziehen – ob das gut genug ist? Ich mag das generell nicht, nicht nur in der Keramikbranche. Jury find ich echt schwierig, dass da so Leute ausgesucht werden, die dann bestimmen dürfen, was passt und gut genug ist. Und das ist eben beim Keramikmarkt auch, da musst du dann Sachen einreichen und die sehen nur einen kleinen Ausschnitt und machen sich gar keinen Überblick über dich. Ich frag mich dann immer, was wollt ihr denn? Ich kann euch ja auch einfach das machen, was ihr letztendlich wollt. (lacht)

Bestellt einfach, was ihr wollt, und gebt mir den ersten Preis!(lacht)

Nee, darum geht’s ja gar nicht, ich will ja auch nicht irgendwie gelobt werden oder Schulterklopfen. Aber ich find, bei so einer geschlossenen Gruppe einzutreten mit einer Bewerbung, wo dann irgendwie so abgehakt wird, finde ich immer so, hmm. Aber gerade im Handwerk ist es doch spannend, wenn man neugierig bleibt und auch neue Dinge ausprobiert und neue Stile entdeckt. Ich denk mir halt immer, es ist so viel möglich und ich fände es total langweilig wenn ich nur noch eine Reihe aus dem Regal machen würde für die nächsten 40 Jahre. Da geh ich doch ein!

Soulfood für das @daskulinariat in München

Annika am Übergang von der Werkstatt in ihre Wohnung.

Vielleicht macht genau das den Unterschied aus zwischen der breiten Masse und eben den Leuten, die herausstechen, weil sie das Interesse haben, neue Sachen auszuprobieren. Eigentlich sollte man dankbar sein, dass die breite Masse ist wie sie ist, denn sonst könnte man sich selbst ja auch nicht davon abheben.

Ja, das stimmt so gesehen schon.

Du hast eben vom Nachwuchs gesprochen. Kennst du denn in München oder im Umkreis ein paar junge Leute, die dir positiv aufgefallen sind in deiner Branche?

Also eine fällt mir tatsächlich ein, das ist die Alina. Ich find sie erstens total süß, eine total nette und sympathische Person, die macht gerade die Ausbildung an der Schule in Landshut, an der ich auch war, und hat jetzt auch eine kleine Werkstatt, wo sie außerhalb der Schule für sich ausprobiert. Ich finde das eine super Herangehensweise. Das machen ja nicht viele, wenn sie das eh schon lernen. Aber sie ist so begeistert dabei und hat so viel Spaß daran, dass sie auch total Bock hat, jetzt schon Gas zu geben. Und ich glaube, die wird richtig, richtig gut. Das sage ich auch total gerne, ich bin niemand, der neidisch wird – wenn ich’s bei mir merke, dann schimpf ich mich immer selber. Ich finde das einen ganz schlechten Charakterzug.

Spatzl für @travelmyself_de

Es hat auch niemand was davon, nicht einmal du selbst.

Genau, und letztendlich war man ja auch mal jünger und wäre glücklich gewesen, wenn einen jemand gepusht hätte. Eine hat mich auch mal angeschrieben auf Instagram und gefragt, wo ich eine Glasur herhatte und ich hab ihr das dann sehr gerne gesagt und weitergegeben. Ich hab sie dann auch mal gefragt, wo sie so her ist, Profi oder Hobby, und sie war Profi aus Leipzig. Und ich dachte mir, ist doch total nett! Das ist doch eigentlich ein Lob an mich, dass sie bei mir Dinge sieht und mich dann fragt, wo ich das herhabe. Ich hab kein Verständnis für Geheimniskrämerei, besonders weil ich dann doch das Selbstbewusstsein habe, dass ich denke, ich habe meinen eigenen Stil, ich kopiere niemanden. Damit kommt man ja nicht weit, wenn man Dinge nur nachmacht. Und darauf vertraue ich, dass die Leute, die was ernsthaft und mit Leidenschaft betreiben, auch ihre eigene Richtung finden. Und die Deppen, die kopieren.

Ich glaube, man rutscht auch so in seine Schiene. Man findet nicht nur die Leute, mit denen man zusammenarbeiten will, die Leute finden dich ja auch.

Genau, das ist ein Ping-Pong-Spiel und total schön. Auch so, wie ich mit dem Mixen, das ist ja eigentlich gar nicht mein Bereich, aber irgendwann begegnet man sich, weil man sich auch für die gleichen Dinge interessiert. Das ist dieser Kunst-Kulturelle-Interessenaustausch – wenn das passt, dann triffst du einfach richtig gute Leute. Und egal aus welcher Branche – und das macht dann richtig Spaß. Und wenn man da offen und nicht missgünstig ist, ist das für alle eine Bereicherung, man darf das nicht unterschätzen.

Ich finde auch, die Kombinationen sind eigentlich immer das Spannende. Sowohl zwischen Menschen, als auch die Kombination der eigenen Fähigkeiten. Was dich gut macht ist ja einerseits, dass du dein Handwerk gut kannst, aber auch all die Einflüsse, die du gesammelt hast, die dann alles formen. Und das könnte niemand anders genauso machen wie du, weil niemand dieselben Erfahrungen hatte.

Diese Authentizität, ge, dass die dann funktioniert? Das stimmt.

 

Espressotassen für das Kulinariat.

Ja, es gibt dich nur einmal.

Und auch mit den Geschichten. Ich bin sicher, dass das aus diesen ganzen kleinen Begegnungen heraus entsteht. Das wirkt ja alles mit. Und da sehe ich auch eine wahnsinnige Entwicklung. Wenn ich betrachte, was ich am Anfang gemacht habe, das war auch gut (lacht), aber sehr viel einfacher gehalten, weil man natürlich sich selbst auch noch nicht so vertraut hat. Man wird ja auch charakterstärker oder ausdrucksstärker mit den Geschichten, die einen umgeben. Ja, da hast du schon recht, das gehört alles mit dazu.

Das ist wahrscheinlich auch die Ironie, umso jünger man ist, für umso interessanter hält man sich und im Alter denkt man, man wäre total langweilig, obwohl man eigentlich interessanter wird. (lacht)

Bei den Drehkursen fand ich das auch so wahnsinnig toll, so viele wahnsinnig interessante Menschen kennenzulernen. Und die interessieren sich ja auch nur für den Kurs, wenn sie aus ’nem Kreativ-Ding kommen oder sich da irgendwie zumindest für interessieren. Ganz plump gesagt: sehr wenig Bänker. Das sind dann schon die Architekten, die Grafiker, die Werklehrerinnen – solche halt. Das ist schon ganz grob aus dem Bereich. Und die haben natürlich auch wieder Geschichten zu erzählen und das ist total schön. Und dann merkt man auch wieder, dass man eigentlich dieselben Leute kennt. Man ist ganz schnell wieder in so einem kleinen Universum, das man mit anderen teilt.

Mir geht’s mit den Interviews gerade auch genauso. Man findet da auch wieder so zueinander und stellt fest, dass sich total viele Leute auch schon kannten, von denen man das gar nicht wusste.

Und man empfiehlt sich dann ja auch gegenseitig wieder. Wenn ich jetzt deine Sachen gut finde und zum Beispiel jemand einen Fotografen sucht oder so was.

Mit den Drehkursen, wie lange machst du denn das schon? Du darfst ja auch ausbilden, richtig?

Genau, ich hab die Meisterschule besucht und habe so einen Ausbilderschein, ich weiß gar nicht, wie der genau heißt, aber ich könnte einen Lehrling ausbilden. Ist jetzt bei der Größe der Werkstatt für mich halt nicht möglich, aber mit den Drehkursen finde ich das schon schön. Die Leute haben ja auch gerade in so einer schnelllebigen Zeit Interesse, selbst was herzustellen und das zu spüren. Ich glaube das ist schon, ja, hmm …

Befriedigend?

Ja, genau, dieses Endergebnis zu haben. Es sind auch alle wahnsinnig glücklich und so, „ach schau mal, das hab ich gemacht!“, weil man das kaum mehr kennt. Wenn man viel Computerarbeit macht oder auch nur ein Rädchen in was Großem ist, dann ist dieses sich auf eine Sache konzentrieren und am Ende auch davon profitieren wahnsinnig befriedigend für viele. Die Drehkurse geb ich echt schon lang. Ich hab schon während der Meisterschule begonnen und die hab ich 2004 beendet. Und hier in München eigentlich von Anfang an. Tatsächlich hab ich aber beschlossen, dass ich nächstes Jahr erstmal aufhöre mit den Kursen.

Das Wohnzimmer der Innenhofwohnung im Westend.

„Dieses Geschirr von mir findet ihr im Café @samstagskinder in Dachau #schöne leckere Gerichte auf feinem Porzellan #es war noch zu einer Zeit, in der ich sehr sehr gerne Linien gemalt habe …“

Oh, warum?

Dieses Jahr war so verrückt voll – auch durch die Corona-Geschichte – und ich möchte gerne mal so ein bisschen reflektieren, was eigentlich die letzten Jahre so war, was gut funktioniert hat, woran ich Spaß hatte, was vielleicht auch nur so Geldverdien-Jobs waren. Um eine Mischung zu finden, mit der ich weitermachen möchte. So ein bisschen auch sich selbst hinterfragen, was ist denn mein Weg? Manchmal ist man ja auch schnell in so einem Fluss, der auch gut funktioniert und Spaß macht, aber ich glaube, es tut gut, noch mal ein bisschen darüber nachzudenken, was man davon eigentlich wirklich weitermachen will. Und dann dachte ich mir, ich nehm mir erstmal so ein, zwei, drei Monate drehkursfrei. Ich arbeite dann trotzdem weiter, aber das man dann mal die Zeit hat, in der man ein bisschen mehr für sich überlegen kann.

Mit so vielen Leuten ist das bestimmt auch anstrengend oder?

Ja, schon, gerade so ein ganzer Tag, ich bin dann zwar kaputt, aber wenn die Leute nett sind macht es auch echt Spaß. Ich bin auch jemand, der gerne zuhört, ich treffe gerne Leute, ich find das Leben einfach total inspirierend und schön, wenn man jetzt mal die ganze Sachen ausklammert, die nicht so schön sind. Man ist hier in Deutschland ja schon in einer sehr glücklichen Blase, und auch dadurch, dass man aus einer gutbürgerlichen Schicht kommt. Ich bin mir sehr bewusst, dass es auch ganz anders hätte sein können, man hat es schon gut, wenn man hier geboren wurde. Aber man kann ja nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wie schlimm die Welt eigentlich ist. Und in dieser kleinen Blase, wenn man das mit der Selbstständigkeit geschafft hat und mit den Leuten, und auch so als Typ würde ich sagen, ich hab total Lust auf Begegnungen. Und ich treffe immer tolle Leute, immer anders, immer neu. Man könnte ja auch denken, ja mei, die Künstler halt, aber nein, jeder ist trotzdem für sich so ein eigenes Wesen. Das finde ich immer wieder faszinierend.

Manchmal sieht man so allgemeine Tendenzen, die zum Beispiel beim Typ Künstler da sind. Aber klar, letzten Endes ist jeder seine eigene Person und das spiegelt sich dann in seiner Art wieder, in seiner Kunst, in allem.

In der Richtung ist man ja auch nicht zu sehr die Norm. Mal derb gesagt, wenn man jetzt Anzugträger ist, hat man viele feste Abläufe und ich finde im Kreativbereich sind die Tage nie gleich. Ich finde, das ist schon ein großer Unterschied. Man kann auch als Kreativer Struktur haben, aber man kommt mit mehr Leuten in Kontakt und man hat mehr andere Begegnungen, als wenn man immer im Büro dieselben Arbeitskollegen sieht. Die hab ich ja nicht. Ich will das aber gar nicht niederreden. Jeder soll sich seinen Beruf aussuchen, wie er mag.

 

Wo wir bei den unterschiedlichen Begegnungen sind, muss ich auch an zwei deiner Kunden denken: einerseits das Kulinariat (@daskulinariat) und andererseits das Hilton.

So krass unterschiedlich! Ich frag mich immer, wie kann das passieren, dass ich zwei so unterschiedliche Kunden anspreche? Und das beide aber zufrieden sind.

Während sie erzählt springt Annika vom Küchenstuhl auf und ich folge ihr in den Verbindungsraum zwischen ihrem Studio und ihrer Wohnung, in dem sich schneeweiße Teller, Tassen und Schüsseln türmen. Sie nimmt eine der Schüsseln in die eine Hand und in der anderen hält sie eine, die sie für das Restaurant Kulinariat gemacht hat.

Das ist fürs Hilton und das für das Kulinariat. Das sind ja zwei krass unterschiedliche Stile! Oder vielleicht auch einfach ein anderer Ausdruck. Das eine erdig, dunkel, rau, und das hier ist Porzellan, glatt, weiß, weiß, weiß. Da fühlt man auch ganz anders, wenn man die zwei benutzt.

Die Sachen für das Kulinariat sind vom Ton her ja anders als viele deiner anderen Arbeiten, auch wenn man deinen Stil schon klar erkennt, aber die Sachen für das Hilton sehen ja sehr anders aus.

(Annika lacht) Stimmt.

Ist ja spannend, dass das Hilton dann gerade zu dir kommt mit dem Wunsch, obwohl sie so was bei dir sonst noch gar nicht gesehen haben.

Ich find’s auch witzig. Da sieht man, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Die kommen beide auf mich zu und haben eine Vorstellung, haben vielleicht woanders was von mir gesehen, oder meine Website oder was auch immer, und denken sich dann, ja, das könnte passen. Wenn man dann das Endergebnis sieht, denkt man sich …

Vielleicht haben die was in meiner Arbeit gesehen, was ich davor selbst noch gar nicht gesehen hatte?

(lacht) Genau!

Weißt du, wie die beiden auf dich gekommen sind?

Beim Hilton muss ich mal nachfragen. Beim Kulinariat war das durch eine gemeinsame Bekannte, die Annette Sandner (@annette.sandner), die macht, ähm, oh Gott, ich weiß gar nicht, wie man das nennt. Auch Food-Fotografie, aber die reist so rum, macht so Essens-Reise-Berichte und fotografiert. Und die kannte eben die vom Kulinariat und meinte: „Ach, ihr sucht Geschirr, ich glaube, das könnte passen mit der Annika.“

Das Kulinariat hast du ja komplett ausgestattet. Kannst du da mal eine Zahl nennen, wie viele Teile so was umfasst?

Durch Corona konnten die leider erstmal eine Weile nicht aufmachen, und so hab ich nach und nach alles gemacht, und am Ende haben sie dann einfach so alle 670 Teile überreicht bekommen.

Das ist ja schon ne Masse.

Wahnsinn, oder?

Wenn du das am Stück machen würdest, ohne was anderes dazwischen, wie lange wärst du denn damit beschäftigt?

Ja, ich war schon zwei Monate damit beschäftigt. Also mit Brennen und Glasieren – das sind ja auch immer so Momente, wo du dann nicht daran arbeitest, weil du warten musst, dass der Ofen abgekühlt ist. Aber so mit dem Thema beschäftigt war ich schon etwa zwei Monate.

 

Ich find’s ja schon verrückt, dass in so einem Restaurant wahrscheinlich die wenigsten Gäste sich bewusst mit dem Geschirr auseinandersetzen werden, du hast aber zwei Monate damit verbracht.

Stimmt. Und auch, dass das Restaurant das Geld ausgegeben hat. Das ist ja von beiden Seiten. Die schätzen das wert, auch wenn viele ihrer Gäste das gar nicht wahrnehmen. Ich bin da voll bei dir. Aber gerade bei meinen Leuten merke ich auch, dass sich da ganz viel ändert mit Nachhaltigkeit und so. Die Privatkunden kommen auch und sagen: „So, jetzt hab ich keinen Bock mehr auf das IKEA-Zeug!“, und sind dann auch bereit, ein bisschen Geld dafür auszugeben. Und ich glaube auch, dass da ganz viel unterbewusst abläuft. Viele sitzen auch im Restaurant und haben ein schönes Erlebnis mit dem Essen und können einfach nicht sagen, dass es auch damit zu tun hat, dass das Geschirr schön ist.

Die Optik, die Haptik – gerade beim Essen sind ja alle Sinne dabei.

Aber halt nicht so, „ah ja, tolle Tasse“, sondern das ist eher eine intuitive Sache.

Aber gerade bei den Sachen für das Kulinariat muss man ja sagen, die sind echt auffällig. Da tut man sich schon schwer, dass nicht wahrzunehmen.

Ja, ich bin gespannt, wie es jetzt ist, wenn es morgen losgeht! (Das Restaurant eröffnete einen Tag nach unserem Gespräch.) Wie dann die Erfahrung von den beiden ist, ob das dann öfter bemerkt wird, auch ohne dass man es extra erwähnt. Das werden sie ja nicht jedesmal sagen. Aber es fügt sich wirklich auch sehr gut in die Räumlichkeit dort ein.

Steht da deine Name mit drauf?

Unten, ja. Das war echt süß, weil die das auch wollten. Josch und Steffi wollten, dass das so ein Gemeinschaftsding ist. Das ist eine echte Herzensarbeit von beiden und ich kann auch sagen, da hatte ich echt Spaß dran und bin mega zufrieden, poste das auch gerne, rede gerne drüber. Und ich muss sagen, das ist das erste Restaurant, dass sich komplett von mir ausstatten lässt! Schon geil. (lacht)

Du selbst hast hier bei dir auch nicht nur deine eigenen Sachen, oder?

Das hier ist eh nix von mir. Das ist alles von anderen Keramikern. Ich bin den ganzen Tag mit meinem Zeug beschäftigt, ich find’s total schön, auch was von anderen zu haben. Das hier ist von einem Franzosen, der Holzbrand macht, also nicht Elektro. Die hier ist aus Kiel – da gehe ich auch auf einen Workshop, Ende Oktober.

Du machst noch Workshops von anderen mit?

Voll! Das ist ein Koreaner, der den in Oldenburg anbietet. Da ist auch noch das Haus von meiner Oma in der Nähe, da kann ich dann wohnen. Der hat eine ganz spezielle Technik entwickelt, von der hatte ich noch nie gehört, die ist total neu für mich. Und ich dachte mir, vielleicht kann man das für sich so umsetzen, dass es für den eigenen Stil funktioniert. Ich bin total neugierig.

Wo du gerade von anderen Orten sprichst, können wir darüber reden, dass ihr überlegt, aus München wegzuziehen?

Also noch ist es ja nicht klar, ob wir wegziehen, aber der Gedanke daran, dass man noch mal was Neues anfängt und umsattelt, ist da. Warum auch nicht?

„Sommerfarben … Heute noch tolle Stücke glasiert, damit ich mich am Montag über schöne Ergebnisse freuen kann.“

Annika in ihrer Küche in der an die Werkstatt angrenzenden Wohnung.

Ich wundere mich nur, dass du so offen bist, gerade bezüglich des Jobs, noch mal umzusatteln. Für mich klingt es ja so, als wärst du beruflich gerade auf deinem bisherigen Höhepunkt, oder?

Ich bin total happy! (lacht) Ja, total glücklich, aber irgendwie denk ich mir manchmal auch, das Leben hat ja nicht nur eine Fahrtrichtung. Es ist total schön, dass die Arbeit gut funktioniert, aber das ist ja nicht all mein Glück. Es ist ja schon eine in sich ruhende Zufriedenheit. Ich glaube schon, dass ich auch mit anderen Aufgaben zufrieden wäre und total viel Spaß damit hätte. Ich glaube, das Leben macht mir gerade einfach Spaß, die Begegnungen. Ich könnte mir jetzt auch nicht vorstellen, innerhalb von drei Monaten hier aufzubrechen, das ist schon ein langsamer Prozess. Wir wollen uns das auch in Ruhe da oben anschauen und natürlich muss man einen Ort finden, der funktioniert. Auf einer einsamen Insel würde das nicht klappen, denn dann würde so viel wegbrechen, was einem ja auch guttut. Ich brauche Input. Das haben wir beide gemerkt, Niels und ich, weil wir auch überlegt haben, wie weit raus aus der Stadt will man eigentlich? Und man braucht schon schöne Cafés oder auch den Trubel manchmal, so dass man entscheiden kann, ob Ruhe oder nicht. Da muss man schon auch aufmerksam sein, sonst rennt man da in sein Unglück, wenn man einfach alles umschmeißt. Ich hätte schon total Lust, mich noch mal neu zu gestalten. Wie sehr die Keramik dann Thema ist und ob ich noch mal die Energie hätte, eine Selbstständigkeit aufzubauen, weiß ich nicht. Oder man bleibt halt in dem Bereich, aber wird Werklehrer oder macht eine Umschulung oder es gibt ja auch schöne Manufakturen. Ich sage jetzt nicht, dass ich in die Industrie gehe, aber es gibt ja auch schöne Manufakturen, wo man vielleicht auch seinen Teil dazu beitragen kann. Hab auch schon überlegt, ob man vielleicht so ’ne Porzellanmalerei macht. Es gibt so viele spannende Dinge! Ich denk mir immer, es ist nicht ausgereizt. (lacht) Auch ganz neben der Keramik ist das Leben noch nicht ausgereizt und München ist total schön – ich mag die Leute, man fühlt sich hier wahnsinnig wohl, es ist überhaupt kein fliehen – aber ich denke mir, ich hab nur dieses eine Leben und ich hätte Lust, es noch mal an einem anderen Ort zu leben. Und diese Sehnsucht – ach, das Meer wäre auch mal schön – warum sollte man dem nicht nachgehen? Und ich würde ja nicht nach Australien ziehen, ich kann ja auch jederzeit wieder zurückkommen.

Wann bist du denn nach München gekommen?

2008.

Und davor?

Davor war ich in Aachen. Da hab ich eine Akademie besucht, Handwerksgestaltung und Design. Hab ich aber tatsächlich nach zwei Jahren abgebrochen. Die Herangehensweise dort hat mir nicht so entsprochen, aber die Idee an sich, die die Akademie da als Konzept hat, find ich total super. Und dann hatte ich eine Auszeit in Neuseeland, denn das kannte ich gar nicht, dass etwas, was ich mir vorgenommen hatte, nicht funktioniert. In Neuseeland war ich dann bei der Petra und habe bei der mitgearbeitet. Dann kam ich wieder und hab mein Abitur nachgeholt, auch wenn ich dann nie was damit gemacht habe.

Das mit dem Abi-Nachholen erzählen die Leute immer so nebenbei, aber für mich klang das immer nach einer ganzen Menge Arbeit, oder?

Echt? Also das sind ja zwei Jahre in meinem Fall gewesen, die Fachhochschulreife und dann die Allgemeine. Das hab ich auch in Aachen gemacht. Ich hatte das Gefühl, mir viel es viel leichter, weil ich eine wahnsinnig schlechte Schülerin war als Teenager. Und wenn du dann mit 24, 25 selber entscheidest, dann macht man das ja für sich. Als ich mit 16 in der Schule war, dachte ich mir, für was den Scheiß? Dieses typische Trotzding und deshalb war ich da krass schlecht, bin auch sitzen geblieben und alles. Dieses einfach durch die Schule gleiten war mir nicht in die Wiege gelegt, das Abitur nachzuholen fiel mir dann schon leichter.

Eine Sache, die ich mal vorsichtig ansprechen wollte, vielleicht ist das ja ein Reizthema, aber was denkst du denn über so was wie Motel a Miio?

Gnnhhrr! (lacht) Nee, schon in Ordnung, ich werd da auch öfter drauf angesprochen. Also es ist ja so, dass die das ja nicht selber machen, sondern vertreiben. Ich finde, das ist ein riesengroßer Unterschied. Aber die haben ja eigentlich immer nur Rabattangebote und das ist, wo es bei mir anfängt. Jeder kann ja alles Mögliche vertreiben, man muss auch kein Handwerker sein und darf Dinge verkaufen, aber da finde ich, das geht eigentlich nicht.

Wenn man ständig Rabatte hat, ist das ja auch Blenderei. Das ist ja dann wahrscheinlich eh der geplante Verkaufspreis.

Genau, die kriegen das halt so billig eingekauft, dass sie, auch wenn sie dem Kunden 70% Rabatt vermitteln, trotzdem noch Gewinn haben.

Aus der Kollektion Seegras.

Ein bisschen das Matratzen-Geschäftsmodell.

Ja, und das ist halt deren Strategie und die machen das echt gut, sie vermarkten sich super. Da muss ich ihnen auch den Respekt für zollen, die stellen sich gut auf und haben von Anfang an auch viel reingesteckt. Aber ich finde das ist eigentlich kein schöner, menschlicher Ansatz – das man sagt, ich vermittle den Leuten, das ist immer billig, immer das Schnäppchen.

Zu den Preisen sind die Margen wahrscheinlich auch entsprechend, und dann müssen sie auf die Masse gegen.

Über die Masse das Geld verdienen, genau. Aber das ist, was ich nicht unterstützen würde. Ich renn auch nicht in H&M und Zara. Da denk ich mir, wenn ich mir das einigermaßen leisten kann, sind wir doch so weit, dass man nicht dieses Massenverjuxen von Dingen unterstützen sollte. Aber das ist einfach was anderes. Ich kenne mein Handwerk und mache von hinten bis vorne alles, und die sind nur Verkäufer.

Bei deinen Sachen geht es ja auch um diese Wertschätzung, jedes Mal, wenn ich die Sachen benutze, das Bewusstsein, das hier hat die Annika in München von Hand gemacht. Klar, auch Luxus, aber das ist dann schon schön für mich.

Genau, und bei dieses Sachen hier, wo ich das von einer aus Kiel selbst gekauft habe, weiß ich, die hatte das in der Hand, die hat das designt und ausprobiert, und da steckt Wissen dahinter. Und nicht: Das ist ein Becher, den hab ich gekauft von jemandem, der das vertreibt. Das ist ja was anderes und ich weiß, dass das irgendwo in Portugal in irgendeiner riesigen Manufaktur hergestellt wurde. Da ist sofort ne Distanz da. Deswegen trenn ich das mit dem Motel a Miio definitiv. Ich denk mir, die machen ihren Kram und ich find diese Struktur mit diesen tausend mal Rabatte echt blöd, weil das auch nicht dem entspricht, wie ich selber mit Konsum umgehe. Aber sie sind da und das ist völlig in Ordnung, das ist halt einfach Wirtschaft. Da steht jeder für sich und jeder kann auch entscheiden. Aber ich merke auch, ich habe echt eine treue Gemeinschaft um mich, die meine Arbeit wertschätzt und die weiter kommt. Prinzipiell funktioniert das total gut.

Ich weiß aber auch nicht, ob die wirklich in Konkurrenz zu dir stehen oder ob die dir nicht sogar zum Vorteil werden. Zumindest sind die Leute damit schon mal einen Schritt vom IKEA weg und näher bei dir. Von IKEA direkt zu dir wäre vielleicht ein zu großer Schritt.

Ja klar, gerade auch, wenn es um das Finanzielle geht und weniger um das Handwerk. Aber ja, es ist definitiv schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, besser als wenn man dann was hat, das irgendwo in China hergestellt wird. Was nicht an China liegt, aber es geht ja darum, dass die Leute ganz häufig ausgebeutet werden und ich glaube, das ist in Portugal nicht ganz so schlimm.

In den Regalen der Werkstatt stapeln sich Annikas Arbeiten bis unter die Decke.

Und bei dir geht es jetzt Ende der Woche in Urlaub? Ist diese Woche dann schon etwas entspannter oder immer noch Vollgas?

Nee, schon noch zügig. Ich muss ja auch noch einiges wegbringen, und dann gibt es noch so kleinere Sachen für Privatleute, die ich jetzt auch nicht bis September warten lassen wollte. Das sind halt auch so Sommersachen wie Bierkrüge, da finde ich es schon schön, wenn sie es noch im August nutzen können. Aber ich bin gut in der Zeit und von dem her passt das. Ich fühle mich jetzt nicht gestresst.

Und wo geht’s hin?

Drei Wochen Radltour an der Ostsee. Wir fahren so Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel, Flensburg. Letztes Jahr waren wir an der Nordsee, war auch super schön. Es gibt gerade auch auf Föhr eine Mühle zu kaufen – da hat das mit den Gedanken an den Neuanfang so ein bisschen angefangen, aber da haben wir dann gemerkt, auf einer Insel und wenn das so wirklich abgelegen ist, ist das nicht der richtige Ort. Deshalb wäre die Ostsee-Seite mit den Kleinstädten schon etwas besser …