Ein Nachmittag in einem gespenstisch leeren Hotel

Das Haus im Tal hatte erst im November 2019 eröffnet – zu einem schlechteren Zeitpunkt hätte eine globale Pandemie für das junge Team also wahrscheinlich nicht kommen können. Alexander Haas nahm sich etwas Zeit, mich durch sein gespenstisch leere Hotel zu führen und mit mir über seine Lage zu sprechen.

InterviewAlexander Haas (Haus im Tal)Mai 2020

Sven: Wie lange habt ihr das Hotel denn schon zu?

Alexander Haas: Wir haben freiwillig schon Mitte März als eines der ersten Hotels zugemacht. Einfach weil keine Gäste mehr kamen.

Und zumindest für Geschäftsreisen weiterhin offen zu bleiben war nicht interessant für euch?

Die Frage stellte sich eigentlich garnicht, als Folge des Lockdowns kamen auch keine Geschäftsreisenden mehr.

Habt ihr denn jetzt einen Zeitpunkt in Ausblick, zu dem ihr wieder aufmachen werdet?

Also wir können am 30. Mai wieder aufmachen und werden das auch erstmal probieren. Aber die Aussichten sind wirklich bitter. An der Buchungslage momentan kann man nicht ersehen, dass sich das irgendwie erholen wird gerade.

Wie war denn die Verteilung zwischen deutschen und internationalen Gästen während eurem regulären Betrieb so?

Der internationale Anteil unserer Gäste war bisher relativ hoch für München. Das führt natürlich dann auch dazu, dass es uns mehr getroffen hat als andere. Deshalb versuchen wir das Angebot jetzt mehr auf deutsche Kunden umzumünzen.

Alex in der Lobby des Haus im Tal

Was denkst du denn darüber, wie die Situation bisher gehandhabt wurde?

Ich bin natürlich kein Experte, aber ich habe schon ein bisschen das Gefühl, dass man sich aus dem Sicherheitsbedürfnis heraus etwas verrannt hat. Gerade die Diskussion „Geld vor Menschenleben“ ist auch ein bisschen Augenwischerei. Es geht ja nicht nur um Geld, sonst sollte das in einer entwickelten Gesellschaft, wie der unseren, ja eigentlich keine Frage sein. Aber hinter einer Volkswirtschaft stecken ja auch Menschenleben. Man muss bedenken, wie das durchschnittliche Lebensalter sinkt, wenn die Wirtschaft mal wirklich down geht. Die Wirtschaft hat echte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Zu sagen, es ginge nur um Geld, ist also zu kurz gedacht.

Auch die Küche steht momentan still im Hotel

Du meinst also, dass man auch die Konsequenzen solcher Maßnahmen langfristig bedenken sollte bei den Entscheidungen?

Ich halte es für einen Fehler, dass es so wenig Diskussion über das Abwägen gab. Man muss immer abwiegen und das ist auch die Aufgabe des Staates. Natürlich ist es eine schwierige Frage, wieviele Tote man bereit ist in Kauf zu nehmen, damit man die Wirtschaft nicht zu sehr runterfährt, aber genauso riskiert man letzten Endes Menschenleben gerade durch das Runterfahren. Nur halt nicht so unmittelbar. Aber natürlich will ich jetzt keine Diskussion führen nach dem Motto, damit meine junge Familie in den nächsten 20 Jahren gut lebt, soll jetzt eine 80-jährige sterben.

Du siehst also beide Seiten der Diskussion?

Wir wissen vielleicht in vier Jahren, ob wir richtig damit umgegangen sind oder nicht. Es ist halt für manche Industrien – nicht nur die Hotellerie – sehr bitter und auch so unvorhersehbar. Ich hatte immer damit gerechnet, dass wir irgendwann eine Rezession mitmachen werden, aber mit sowas in der Dimension konnte keiner ernsthaft rechnen. Normalerweise bin ich immer für freien Markt, aber ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob das in so einer Situation, in der der Staat dir quasi verbietet Geschäfte zu machen, noch so sinnvoll ist. Oder ob nicht dann der Staat auch ganz massiv eingreifen muss, um die Existenzen zu sichern, wenn die Abwägungen eher auf Seite der Gesundheitsbedenken fällt.

Ihr habt ja erst vor ein paar Monaten aufgemacht. Das muss sicher auch eine ganz schöne emotionale Belastung für euch sein, oder?

Es ist schon bitter, aber wir versuchen schon, die Gefühle da so weit wie möglich raus zu halten, aber in dem Projekt stecken einfach eine Menge Emotionen. Ich glaube, viel schlechter hätte es zeitlich niemanden treffen können als uns. Da muss man schon ehrlich sein. Wir hatten nur zwei gute Monate und dann haben wir’s im Februar schon gemerkt. Wir müssen das jetzt nüchtern sehen. Aber zumindest stehen wir erst ganz am Anfang. Andere Läden, die jetzt nur noch zwei Jahre Mietverträge haben und damit auch nur noch zwei Jahre Umsätze erwirtschaften können, müssen jetzt Kredite aufnehmen, die sie garnicht mehr zurückzahlen können. Das Problem haben wir zumindest nicht. Und durch unser Grund-Konzept mit geringem Personalaufwand und Vierer-Zimmern könnten wir vielleicht gerade in dieser Situation jetzt profitieren.

Alex ist außerdem Gremiumsmitglied der Aktion SAVE OUR LOCAL GASTRO einem Zusammenschluss von Gastronomen aus München und der Umgebung um mit einem offenen Brief auf die Auswirkungen des Coronavirus auf die lokale Gastronomie aufmerksam zu machen.